Kein Politologe hat seit Aristoteles und Machiavelli so viel Weltruhm erlangt wie Samuel Huntington. Sein Clash of Civilizations (1996) wurde in dreißig Sprachen übersetzt; es ist systematisch missverstanden worden als Anleitung zum Zivilisations-Krieg. Anderthalb Jahre nach seinem Tod haben ihm jetzt Freunde ein "Gedenksymposion" in Moskau ausgerichtet. Nicht Krieg stand im Programm, sondern "Culture, Cultural Change and Economic Development".

Das holprig-akademische Thema ist so aktuell wie Finanzkrise und China-Hype. Wie erklären wir Wachstum und Verfall, Aufstieg und Niedergang?

Huntingtons Antwort: durch "Kultur" (im englischen Sinn - wie Menschen die Welt begreifen und formen). Der Kern einer Kultur sei die Religion, daher seine Klassifikation entlang Christentum (West), Orthodoxie, Konfuzianismus, Islam… Kann Kultur-als-Religion erklären, warum der Westen an der Spitze liegt, China doppelstellig wächst, die islamische Welt zurückfällt?

Karl Marx wollte von "Kultur" nichts wissen; die "Produktionsbedingungen und -verhältnisse" waren ihm der Schlüssel zu Bewusstsein und "Überbau". Max Weber aber schlug schon 1904 die Kerbe, die Huntington 80 Jahre später bearbeiten sollte - mit Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Wer Weber glaubt, muss auch Huntington glauben - und just da entzündete sich der Widerstreit.

Wie kann etwas Dauerhaftes wie "Kultur" das Auf und Ab der Wirtschaft erklären, fragte der Ökonom William Easterly. Weber beobachtete das rasante Wachstum im Kaiserreich, davor in England und schrieb es dem Protestantismus zu. Nur war Frankreich im 17. Jahrhundert das reichste Land Europas - und streng katholisch. England, die Supermacht des 18. und 19. Jahrhunderts? Die anglikanische Kirche war Katholizismus ohne Papst.

Treibt Konfuzianismus - Spiritualität plus hierarchische Ordnung - das chinesische Wirtschaftswunder? Dann muss mit ihm auch der Verfall in den 500 Jahren davor zu deuten sein. Was erklärt Japans atemberaubenden Aufstieg bis in die Achtziger und die Dauerstagnation danach? Die Religion kann das ebenso wenig wie im Fall des (arabischen) Islams: Blütezeit bis 1500, Abstieg bis heute.

Heute wird Chinas "autoritäre Modernisierung" als überlegen auch im krisengeschüttelten Westen zelebriert. Just die trieb auch Stalins Russland voran - bis zum Kollaps unter Gorbatschow. Ronald Inglehart, Direktor des World Value Survey an der Universität Michigan, verwies auf den Geburtsfehler des Modells: "Je mehr eine Gesellschaft in die Wissensökonomie vorstößt, desto weniger kann der bürokratische Zentralismus bewirken." Das iPhone kann eben nur in einem System erfunden werden, das dem Abweichler erlaubt, sich gegen die Profiteure des Status quo durchzusetzen. Das läuft weder unter Konfuzius noch unter der KP, der Priesterschaft eines weltlichen Heilsglaubens.