Ob aus der Geburtstagsfeier im kleinen Kreis, abseits der Politik, etwas wird, ist fraglich. Denn an diesem Donnerstag wird Annette Schavan nicht nur 55 Jahre alt. Es ist auch ihr politischer Schicksalstag, an dem sich entscheidet, welches Bild von der CDU-Politikerin bleiben wird: das einer fleißigen, aber unauffälligen Ressortchefin? Oder einer Strategin, die das Fundament der Bildungsrepublik gelegt hat. So sieht sie sich gern selbst.

Am 10. Juni treffen sich Bundesregierung und Ministerpräsidenten im Kanzleramt zum Bildungsgipfel. Es ist der dritte Anlauf, zwei Versuche brachten nur Bekräftigungen von lange Beschlossenem und vagen Absichtserklärungen für die zukünftige Verbesserung von Schulen und Universitäten. An diesem Donnerstag soll sich jetzt endlich ihr großes Ziel verwirklichen: zehn Prozent des Sozialproduktes für Bildung und Forschung. Das wäre kein Geburtstagsgeschenk, es wäre ein historischer Sieg, Schavans Sieg. Bleibt es erneut bei Ankündigungen, die Ministerin bliebe für den Rest ihrer Amtsperiode beschädigt.

Seit fast zwei Jahren arbeitet sie auf diesen Termin hin: "Zurzeit telefoniere ich Tag und Nacht." Es ist kurz nach acht Uhr, Schavan, wie oft in den letzten Wochen ganz in lila, trinkt Espresso im Bundestagsrestaurant. Gleich wird über den Euro-Rettungsschirm abgestimmt. Natürlich wird sie mit Ja votieren. Schavan hat ihre Kanzlerin noch niemals im Stich gelassen. Auch wenn klar ist, dass jede Milliarde für andere Zwecke die Erfolgschancen des Bildungsgipfels, ihre Chancen, sinken lässt.

Von einer "Schlacht" sprechen Mitstreiter. 13 Milliarden fehlen bis zum Zehn-Prozent-Ziel, konservativ gerechnet. Mindestens sieben Milliarden sollen Länder und Kommunen aufbringen. Schon haben mehrere Ministerpräsidenten signalisiert , dass ihr Anteil ohne Bundeshilfen infrage stehe. "Was jetzt beschlossen wird, hat Wert auf Dauer", sagt Schavan. Umgekehrt heißt das: Was nun verschoben wird, kommt nimmermehr. Der 10. Juni 2010, das ist auf sehr lange Sicht die letzte Möglichkeit, noch einmal richtig Geld zu verplanen. Grund genug, zu kämpfen. Schavan ballt die Faust.

Die letzten Monate verliefen holprig für die Christdemokratin. Das Nationale Stipendienprogramm, ihr Prestigeprojekt, quittierten die Hochschulen mit Maulereien über den bürokratischen Aufwand. Und mehrere Tausend Stipendiaten der Begabtenwerke wiesen das zusätzliche Geld gar zurück. Von Schavans großem Bologna-Gipfel blieb die Nachricht, dass Studentenvertreter die Runde enttäuscht verlassen hatten. Dabei war er als Reaktion auf ihre Proteste vom Herbst organisiert worden. Schon während dieser Demos hatte die Ministerin keine gute Figur gemacht. Als "von gestern" kanzelte sie viele Forderungen der Protestierenden ab. Nur um sich bald mit ihnen gemein zu machen, indem sie für jeden Studenten einen weiterführenden Masterplatz forderte – gegen die Logik der Bologna-Reform. Politik ohne Fortune nennt man so etwas. Aber Schavan drückt die Misserfolge weg. "Am Ende habe ich noch immer alles durchbekommen, was ich wollte", sagt sie. Nicht alle sehen das so.

Annette Schavan ist die einzige Unionsministerin, die beim Koalitionswechsel ihren Posten behalten hat. Sie wertet das als Bestätigung ihrer Arbeit und kann manche berechtigte Gründe dafür aufführen. Sie hat das arg zerrüttete Verhältnis zwischen ihrem Amt und den Kultusministern entspannt. Ohne ihren Einsatz hätte es die beiden Hochschulpakte nicht gegeben, mit denen Bund und Länder neue Studienplätze finanzieren. Eine Nationalakademie der Wissenschaften konnte sie, anders als ihre Vorgänger, durchsetzen. Und dann dieser enorme Budgetzuwachs: 30 Prozent plus erkämpfte sie in der letzten Legislaturperiode. Der neue Koalitionsvertrag sichert ihr im Schnitt noch einmal die gleiche Summe zu.

Es ist paradox: Annette Schavan ist die einzige Ministerin mit der Lizenz zum Geldausgeben, selbst in der Krise noch. Früher hätte das als Erfolgsausweis ausgereicht. Heute jedoch, da jedermann findet, Bildung und Forschung seien Deutschlands Zukunft, ist es vielen zu wenig – außerhalb wie innerhalb ihrer Partei.