ZEITmagazin: Herr Gauweiler, früher waren Sie für viele ein rotes Tuch – etwa weil Sie als bayerischer Staatssekretär in den achtziger Jahren eine Meldepflicht für HIV-Infizierte forderten. Heute wirken Sie geradezu milde, altersweise. Lösen Sie keine Aggressionen mehr aus?

Peter Gauweiler: Ich werde nicht mehr so viel angegriffen. Das ist schon angenehm. Auf der anderen Seite: Wenn man plötzlich zu den Guten gehört, fühlt man sich, als hätte man zu viel Betablocker genommen.

ZEITmagazin: Es ist Ihnen also unheimlich, nicht mehr zu den Bösen gezählt zu werden?

Gauweiler: Na, es ist jedenfalls ein schmaler Grat zwischen Ethik und Heuchelei. Trotzdem wärmt es mein Herz, wenn ich gelobt werde. In den achtziger Jahren, als es diese heftigen Debatten gab, da hatte ich noch keine Kinder. In den frühen neunziger Jahren waren sie noch ganz klein, da macht es einem weniger aus, wenn man öffentlich beschimpft wird. Aber wenn die Kinder sich später immer etwas anhören müssen über ihren eigenen Vater, ohne sich wehren zu können, ist das nicht schön.

ZEITmagazin: Damals hat man die Welt streng in rechts und links eingeteilt.

Gauweiler: Nach all dem, was im 20. Jahrhundert passiert ist, kann man nicht mehr richtig links sein, aber auch nicht richtig rechts.

ZEITmagazin: Sie waren immer ein großer Polarisierer. Haben Sie sich auch manchmal verrannt?

Gauweiler: Im Rückblick kann man natürlich alles zurückhaltender formulieren. Aber Aufklärung lebt von Klar-Machen, Helligkeit-Bringen, da braucht es auch mal einen Blitz, der erschreckt.

ZEITmagazin: Haben Sie sich manchmal gedacht: Hier kann ich mir selbst nicht mehr helfen, hier muss ich gerettet werden?

Gauweiler: Ja. Oft. Ich habe in meinem Leben schon viele Stoßgebete zum Himmel geschickt: Lieber Gott, hilf mir, bitte, ich habe das jetzt ganz schlecht gemacht. Und ich habe die Wirksamkeit von solchen Stoßgebeten erfahren.