Vor einigen Wochen kam Post vom Ministerpräsidenten. Stanislaw Tillich ließ bitten, am soundsovielten zu einer bestimmten Zeit. Iris Kloppich rief bei ihm an. "Danke für die Einladung", sagte sie. "Aber Sie haben mich nicht gefragt, ob ich an dem Tag überhaupt kann."

Der Termin wurde verlegt. Sachsens DGB-Chefin nahm drei weitere Gewerkschafterinnen mit. Es gab viel zu besprechen. Wirtschaft und Soziales, Verkehr, Energie, Demografie und Ausbildung, kommunale Finanzen, demokratische Kultur – der Ministerpräsident legte los. Die Frauen, von unbefriedigenden Ausführungen nicht überrascht, bohrten nach. Tillich, durch drängende Fragen nicht in Verlegenheit zu bringen, antwortete. So ging es hin und her. Man war sich wohl einig, dass hier keiner irgendwen von irgendwas überzeugen würde. Einmal warf Kloppich ein: "Herr Tillich, in dieser Angelegenheit werden wir keine Freunde." Er sagte: "Das ist mir bewusst."

Innerhalb von zwei Jahren will Tillich 1,7 Milliarden Euro einsparen. Wie, das wird Kloppich bald erfahren. Schon klar ist: Die Regierung kürzt im Jugendhilfe-Etat. Sie wird wohl ans Einkommen der öffentlich Bediensteten gehen. Tillich muss Kloppich nicht fragen, wie sie das findet. Er hat die Macht, so zu tun, als wäre sie gar nicht da. "Es kann nicht sein", sagt sie parolenhaft, "dass die Bürger die Zeche zahlen." Vielleicht kann es ja doch sein. Wie stark ist Sachsens DGB-Chefin?

Die Gewerkschaft profitiert von Kloppichs Talent, zu schweigen

Der erste Mensch, dessen Interessen sie vertrat, war ihr Großvater. Er wohnte mit im Elternhaus in Sachsen-Anhalt. Die Nazis hatten den Sozialdemokraten ins Gefängnis gesteckt, ihm fehlten dadurch ein Arm und ein Bein. Im Rollstuhl zog er in den fünfziger, sechziger Jahren durch Schulen. Unermüdlich erzählte er Kindern von einer zerrissenen Gesellschaft und wie es zum Krieg hatte kommen können. Die Enkelin tat, was sie für ihn tun konnte: Sie studierte in Leipzig Geschichte.

Der DDR lag daran, Studenten viel von der Arbeiterbewegung zu erzählen, von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Die Zeit des Stalinismus ließ man an der Uni einfach aus. Iris Kloppich nahm das Interesse des Staates ernst. Sie unterdrückte Zweifel und rang mit sich. Ein paar Jahre lang unterrichtete sie Geschichte der Arbeiterbewegung und Wissenschaftlichen Kommunismus an der TU Dresden. Immer häufiger kam sie in Seminaren in Erklärungsnot. Die DDR war eine absurde Konstruktion aus Theorie und Praxis. Oft bestand zwischen beidem keinerlei Verbindung. Kloppich war noch nicht einmal 30 Jahre alt, verheiratet und Mutter zweier Söhne, als sie es aufgab, zu dozieren.

Fortan kümmerte sie sich statt um Erklärungen um das praktische Leben der Menschen. 1986 ging sie zum Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB). Am Schreibtisch im Volkshaus, dem Gewerkschaftsgebäude am Dresdner Schützenplatz, saß sie selten. Im Stahlwerk Freital, wo Arbeiter schweißgebadet an lärmenden Maschinen rackerten, sorgte sie für warmes Nachtschichtessen und erträglichere Arbeitsbedingungen. Parolen brauchte sie dafür keine, sie kümmerte sich allein. All ihre Wege führten zum Parteisekretär, und ihr einziges Argument war eins, das die SED, der sie angehörte, auch verwendete: Wenn es den Arbeitern gut ging, diente das der Planerfüllung.

Die Wende kam, der Westen, kein Grund, sich nicht mehr um die Interessen der Menschen zu scheren. Aus Stuttgart reiste ein pensionierter Metaller an, der alles wusste: was im Betriebsverfassungsgesetz steht, wie man Tarifverhandlungen führt, Betriebsräte wählt, einen Streik organisiert. Iris Kloppich kannte die Stadt und die Umgebung, steuerte das Auto, mit dem sie in die Betriebe fuhren. Und lernte. Gemeinsam bauten sie den IG-Metall-Altbezirk Dresden auf.