Was sehen wir Weinfreunde am Horizont? Richtig, einen Jahrhundertjahrgang. Wieder einmal beflügelt uns die Aussicht auf einen außergewöhnlich guten, dauerhaften, einmaligen und wertvollen Wein. Gemeint ist der Jahrgang 2009 aus Bordeaux.

Die Primeurs aus dem Bordelais gibt es eigentlich noch gar nicht. Jedenfalls noch nicht abgefüllt auf Flaschen. Vorläufig lagern sie noch in den kleinen Fässern aus frischem Eichenholz. Um aber trotzdem zu erfahren, wie sie sich entwickeln werden, wenn sie abgefüllt sind, versammeln sich Fachleute aus aller Welt, um die unreifen Weine vom Fass zu probieren. Diese Experten verkünden dann der neugierigen Weinwelt, was sie von den Weinen halten. Das ist ungefähr so riskant wie ein Besuch im Kindergarten, bei dem ein Psychiater Voraussagen über die Zukunft der Kinder machen soll. Und wie unser Nachwuchs einheitlich Deutschlands Superstar werden will, so hoffen die Erzeuger der französischen Rotweine aus dem Bordelais auf 100 Parkerpunkte.

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Der Amerikaner Robert M. Parker ist nämlich der Superstar unter den Weingurus. Die Punkte, die er vergibt, entscheiden über den künftigen Status der renommierten Weine. (Mouton und Lafite Rothschild gehören dazu sowie Latour, Petrus, Margaux, Montrose und noch einige andere Châteaux, die auf dem Weltmarkt die höchsten Preise erzielen. Vorausgesetzt, sie bekommen von Parker die maximal 100 Punkte zugeteilt.)

Das Ganze ist ein vom Weinhandel geschickt in Szene gesetztes Spektakel. Denn der Handel will schon heute an diesen Weinen verdienen, welche der normale Käufer erst in zwei Jahren kaufen kann. Also bietet er ihn an wie eine Aktie.

Der Käufer zahlt heute für eine Kiste (zwölf Flaschen) Wein einen Sonderpreis von, zum Beispiel, 500 Euro, wenn er den Wein nach zwei Jahren geliefert bekommt, hofft er, ihn für 850 oder 1000 Euro verkaufen zu können. Diese Spekulation nennt man "en Primeurs" und ist für Händler und passionierte Weinfreaks sehr aufregend. Denn Weine eines Jahrhundertjahrgangs können in der kurzen Zeit schon mal das Doppelte oder Dreifache wert sein. Deshalb ist es für die Winzer ein großes Glück, wenn ein Mann wie Robert M. Parker einen Jahrhundertjahrgang diagnostiziert, ein Urteil, dem sich Parkers Kollegen stets anschließen, vor allem, wenn es Franzosen sind.

2009 soll also ein Jahrhundertwein werden.

Ich muss gestehen, dass auch ich vor vielen Jahren en Primeurs gekauft habe. Die Weinpreise waren gerade in den Keller gefallen, weil ein renommierter Winzer und Weinhändler in Bordeaux beim Panschen erwischt wurde und sich umgebracht hatte. Da sah ich eine Chance und kaufte Weine der ersten Adressen, bevor sie abgefüllt waren.