Verdammte Axt! Das hat Lena Meyer-Landrut ins Goldene Buch ihrer Heimatstadt geschrieben, und da kann man ihr nur beipflichten: Verdammte Axt, Hannover! Wie von der Leine (an der sie sonst immer liegt) gelassen war die Stadt bei der Rückkehr von Europas bester Sängerin. Und auch bei der Rückkehr von Deutschlands bester Protestantin, Margot Käßmann, auf ihre heimische Kanzel standen am gleichen Tag Hunderte Hannoveranerinnen und Hannoveraner im Regen und sangen, nein, nicht Europas bestes Lied, Satellite, sondern eine selbst gedichtete Margot-Käßmann-Hymne. Hannover ist das Herz, die Seele, der Bauch der Republik.

Dabei wird die Stadt notorisch unterschätzt, sogar von sich selbst: Nach 1945 wollten die niedersächsischen Vernunftapostel ihre zu 90 Prozent zerstörte Kapitale an einer anderen, besseren, nützlicheren Stelle wiederaufbauen, ließen von dem Plan aber ab, weil die Kanalisation unter dem Schutthaufen noch funktionierte. Doch Hannover beherbergt auch das größte Schützenfest der Welt und hat ein Gespür dafür, was die Durchschnittsdeutschen umtreibt. Lange vor Lenas Tanzmusik zur Euro-Krise kam von hier schon der Soundtrack zum Ende des Kommunismus, Wind of Change von den Scorpions. Im Fußballstadion von Hannover 96 trauerte das ganze Land um den toten Torwart Robert Enke , ein Mann wie die Stadt und der Traum vom guten Deutschland: groß, aber bescheiden, ehrgeizig, aber nie unfair.

Und es ist ein hannoverscher Kampfbegriff, der Lena nach oben gebracht hat: Authentizität. Heute führt das Wort ja jeder Kunstblumenverkäufer zwischen Aurich und Zschopau im Munde, aber als Erfolgskonzept ist Authentizität made in Hannover. Der Werber Michael Kronacher hatte rund um diese Vokabel seit 1986 Gerhard Schröders Kämpfe um die Macht geplant. Mit der Strategie, dass alles, was Schröder den Medien vorführe, "stimmig" sein müsse, brachte er seinen Mann ins Kanzleramt. In diesem Sinne ist auch Lena authentisch: Zwischen all den osteuropäischen Ludern mit ihren diversen Boxenstopps beim Schönheitschirurgen wirkt die hannoversche Abiturientin im kleinen Schwarzen ganz bei sich, normal, unverbogen, oder, wie es im Niedersachsenlied heißt: "Wir sind die Niedersachsen, / sturmfest und erdverwachsen, / Heil Herzog Widukinds Stamm."

Dass diese Bodenhaftung mal ganz Europa cool finden würde, hat der Dadaist Kurt Schwitters schon vor 90 Jahren geahnt: "Liest man aber Hannover von hinten, so ergibt sich die Zusammenstellung dreier Worte: ›re von nah‹. Das Wort ›re‹ kann man verschieden übersetzen. Ich schlage die Übersetzung ›rückwärts‹ vor. Dann ergibt sich also die Übersetzung des Wortes Hannover von hinten: ›Rückwärts von nah.‹ Und das stimmt insofern, als dann die Übersetzung des Wortes Hannover von vorn lauten würde: ›Vorwärts nach weit.‹ Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermessliche." Der nächste Eurovision Song Contest, bei dem Lena erneut und naturgemäß in Hannover antreten soll, ist damit praktisch entschieden.