Ich möchte eine Fußballmannschaft spielen sehen, auf deren Trikot nicht irgendein Firmenname steht, sondern einfach das Wort Nein. Ein Nein zum Geschäft, das den Fußball auffrisst. Spieler und Trainer sollen zwar bekommen, was sie verdienen, aber das Geschäft darf nicht die Zeit stehlen, die der Fußball braucht, um gut zu sein.

Heute kann ich montags den Fernseher anmachen und ohne Unterbrechung bis sonntags Fußball gucken. Die Champions League, in der ja nicht nur die Champions spielen. Hier in Südamerika die Copa Libertadores. Irgendwelche Freundschaftsspiele, um das Geld für teure Transfers reinzukriegen, Ligaspiele, Pokalspiele, Länderspiele, Confederations Cup, der Was-weiß-ich-Cup... Aber das Gute wird nicht besser, wenn es in großen Mengen kommt. Ein köstlicher Teller Pasta ist wunderbar, doch wenn du zehn isst, wird dir schlecht.

Steht am Ende der Saison eine WM an, wundern wir uns, dass die Stars nicht in Topform sind. Wie sollten sie auch, nach all den Spielen? Schon aus eigenem Interesse müssten die, die am Fußball verdienen, dem Sport mehr Zeit geben: Wenn der Fußball schlechter wird, verkauft er sich auch nicht mehr so gut.

Und ich will ein Nein auf den Trikots als Antwort auf die größte Lüge im Fußball: Entweder du spielst schön, oder du gewinnst. Meine Maxime war immer: Wir werden gewinnen, gerade weil wir schöner spielen als der Gegner! Es ist doch keine Vision, zu sagen: Wir zerstören erst mal das Spiel der anderen und schauen dann, ob wir den Ball auch noch ins Tor reinkriegen. Fußball braucht eine Vision.

Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Schönheit sich durchsetzen wird. Ich spüre günstige Winde: die Spanier, die schön spielen, mit Mut zum Risiko – und gewinnen. Arsenal, Barcelona, auch die Deutschen 2006, als alle glücklich waren, ohne dass sie den Titel geholt hätten. Diese Winde sollen sich in einen Hurrikan verwandeln! Wenn es nur um das Ergebnis ginge, könnten wir ja auf dem Platz auch einfach eine Münze werfen. Aber die Zuschauer wollen das Spiel sehen, weil sie es lieben. Der Fußball sollte diese Liebe zurückgeben, aus Respekt vor den Menschen.

Ich träume von einem Argentinien, in dem die Menschen respektiert werden. In dem es keine Kinder gibt, die auf der Straße leben, keine Slums. Wenn ich diese Armut sehe, bin ich bestürzt und denke, dass meine Generation und ich nicht genug getan haben, um unser Land gerechter zu machen. Deshalb müssen wir alle lernen, Nein zu sagen. Nein zu den offensichtlichen Lügen der Politiker, Nein zum Erfolg um jeden Preis, Nein zu fehlender Bildung, zum Krieg, zur Armut!

Danach können wir für das Ja arbeiten, was nichts anderes bedeutet, als die Wahrheit zu finden. Dann erst beginnt der wirklich schwierige Weg. 

César Luis Menotti,71, gewann 1978 als Nationaltrainer von Argentinien den WM-Titel, danach trainierte er unter anderem den FC Barcelona und die mexikanische Nationalmannschaft. Auf unserem Foto sind im Hintergrund Bilder seines Sohnes Alejandro von 1977 zu sehen

Aufgezeichnet von Anna Kemper