Das Öl ist da! In Port Fourchon, am Südzipfel des US-Bundesstaats Louisiana, dringt eine braunrote, manchmal auch pechschwarze Lache in die Marschlandschaft ein und umspült das Seegras. Wie Sirup breitet sich die zähflüssige Masse zwischen den hohen Halmen aus und nähert sich bedrohlich den Nistplätzen ungezählter Vogelarten. Es ist Brutzeit. Braunpelikane, die an diesem Küstenstreifen fast ausgestorben waren, kreisen über der faulig riechenden Brühe. Tausende von Metern schwimmende Barrieren im Meer konnten das Vordringen des Öls nicht aufhalten.

Auch etwas weiter westlich, auf dem kleinen Timbalier Island, einem der Marsch vorgelagerten natürlichen Schutzwall, ist das Öl angekommen. Mal kieselsteingroß, als mit Sand vermischte Teerklumpen. Mal in Erbsenformat, glitzernd wie schwarze Edelsteine. Und mal als quallenähnlicher, bräunlicher Tropfen. Am Strand, 200 Kilometer von jener Stelle entfernt, wo am 20. April die Bohrinsel Deepwater Horizon explodierte , findet man die Varianten tausendfach.

Der Küstengeologe Alexander Kolker und Kelly Williams, Studentin der Umweltwissenschaft, ziehen blaue Gummihandschuhe an und nehmen Proben. Bevor diese in kleine Plastiktüten gefüllt werden, bestimmt Kolker mit einem GPS die exakte Position. "29 Grad, 30 Minuten, 55,2 Sekunden Nord, 90 Grad, 29 Minuten, 11,8 Sekunden West", trägt er in sein orangefarbenes Buch ein. "Fund: Teerklumpen, golfballgroß, etwa drei Zentimeter dick, in der Mitte klebrig, rund fünfzehn davon auf einem Quadratmeter."

Ein paar Schritte weiter findet Williams einen dunkel aufgequollenen Holzbalken. Drei Pelikane, die darauf Rast machen, steigen auf und landen auf den seichten Wellen. Am Horizont ragt ein halbes Dutzend Bohrinseln aus dem Wasser, kleine Städte auf Stelzen. Kelly pikt mit dem Finger ins morsche Holz, aus dem Loch fließt schwarzer Brei. Unklar ist, ob der Balken das Öl bereits im Meer oder erst mit der Flut am Strand aufgesogen hat. Am Ende des Rundgangs hat Kelly sechs Tüten gefüllt und in einem kleinen Container verstaut. TI steht darauf: Timbalier Island.

Alexander Kolker arbeitet für das Louisiana Universities Marine Consortium, kurz Lumcon genannt. Das Meeresforschungsinstitut der Universitäten von Louisiana sammelt die Funde, untersucht sie und führt die Daten zusammen. Man hofft, so endlich mehr Aufschluss zu erlangen über die Menge des angeschwemmten Öls, dessen unterschiedliche Dichte und seine Bewegung im Wasser.

Es ist weit mehr als ein Monat seit dem Unglück vergangen , und Kolker sagt deprimiert: "Es ist erschreckend, wie wenig wir immer noch wissen." Keiner kann verlässlich sagen, wie viel Öl sich aus 1500 Metern Tiefe in den Golf von Mexiko ergossen hat. Inzwischen geht man von 80 bis 160 Millionen Litern aus.

Port Fourchon und Timbalier Island sind nur zwei von Dutzenden Orten, wo das Öl in diesen Tagen anlandet. Vermutlich sind schon viele Hundert Kilometer Küste in Mitleidenschaft gezogen, auch hier fehlen noch genaue Daten. Der nächste Rettungsversuch , eine neue, diesmal kleinere Glocke über dem größten Loch, werde für kurze Zeit den Ausfluss um ein Fünftel erhöhen, sagen die Ingenieure. Denn dafür muss erst einmal ein Rohr gekappt werden. Wenn dieses Vorhaben nicht gelingt, könnten am Ende gar Tausende von Kilometern Strand, Marsch und Mangrovenwälder verseucht sein. Das Horrorszenario: dicke schwarze Teppiche von Mexiko über Texas bis nach Key West und Kuba.

In den vergangenen Wochen haben Experten tief unten im Meer mindestens zwei große Ölwolken entdeckt. Es heißt, sie seien mehrere Kilometer lang und bis zu 100 Meter stark. Auch diese Schätzungen sind umstritten. Das von Lumcon betriebene Forschungsschiff Pelican besitzt neuerdings zwei Fluorometer, schwarze Metallröhren, die in großer Tiefe Licht aussenden, aus dessen Reflektion die Forscher genauere Schlüsse über das tatsächliche Ausmaß der schwarzen Felder ziehen können. Der Küstengeologe Kolker sagt, Millionen von Litern Chemikalien erschwerten die wissenschaftliche Berechnung. Das versprühte Gift zerlege die Ölteppiche in Flocken und Klumpen , die in alle möglichen Richtungen treiben könnten.