Das neueste Luxushotel Moskaus verspricht Fünf-Sterne-Kapitalismus mit sozialistischem Antlitz. Radisson Royal Hotel steht frisch über den stockwerkhohen Eingangstüren aus schwerem Holz, die ein Motor öffnen hilft. Doch erst der Zweitname darunter lässt nicht nur bei Moskauern die Ohren klingen: Hotel Ukraina. Das Ukraina war schon vor der dreijährigen Renovierungspause ein besonderes Haus. Die Eingangshalle ziert das Deckengemälde Feiertag der Arbeit und Ernte in der gastfreundlichen Ukraine. Es zeigt Getreidegarben, Kürbisse und sozialistische Jungmenschen auf dem Weg in die lichte Zukunft. Dahinter folgt eine niedrige Kassettendecke mit Kronleuchtern, wie sie fast genauso in der Metrostation Majakowskaja hängen. Ölbilder mit Birkenwäldern und wandernden Pioniergruppen runden die Erinnerung an die frühen fünfziger Jahre ab. Im Ukraina kann man wohnen wie bei Stalins.

Der sowjetische Diktator wollte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Amerikanern beweisen, dass auch Russland kühn in die Höhe bauen konnte. Sieben Hochhäuser, die "sieben Schwestern", ließ der "Vater aller Völker" errichten. Sie sollten zugleich die Kirchtürme Moskaus in den Schatten stellen und dem Stadtbild neue Orientierungspunkte schenken. Das 206 Meter hohe Hotel Ukraina wurde 1957 eröffnet, vier Jahre nach Stalins Tod.

Ein Deluxe-Room im Ukraina

Beim Bau der Hochhäuser brachen reihenweise Rekorde. Manche architektonischen Skizzen entstanden binnen zwei Wochen, weil Stalin es so wollte. Beim Betrachten der Bauzeichnungen hielt er gerne einen Stift gezückt, um hier einen Seitenflügel zu kappen und dort eine Turmspitze aufzupfropfen. Das Außenministerium, eine der "sieben Schwestern", krönt seither eine Spitze in einer speziellen Leichtbaukonstruktion. Anders hätte der von Stalin in letzter Minute befohlene Turm die Statik des Gebäudes überfordert.

Dennoch fehlt dem wiedergeborenen Ukraina vieles, was die anderen Luxushotels in Moskau bieten: Es liegt nicht in Sichtweite des Kremls wie das Baltschug Kempinski oder Ritz Carlton. Es zehrt nicht von der revolutionären Geschichte wie das Metropol und das National, in denen die Bolschewiken um Lenin den Komfort schätzen lernten.

Bei historischen Ereignissen gibt sich das Ukraina bescheiden: Im März 1970 schrieb Egon Bahr hier auf einem Hotelbriefbogen an Bundeskanzler Willy Brandt, die sowjetische Führung habe DDR-Ministerpräsident Willi Stoph zu einem deutsch-deutschen Gipfeltreffen "gezwungen". Monate später fand es in Erfurt statt. Beim Putsch gegen Staatspräsident Gorbatschow im August 1991 bezogen Scharfschützen in den oberen Stockwerken Stellung. Gegenüber, vor dem Weißen Haus, dem damaligen Parlamentssitz, bestieg Boris Jelzin einen Panzer und beschwor das freie Russland. Es fiel kein Schuss. Jelzin ging als Sieger aus der Auseinandersetzung mit den Altkommunisten hervor. Zwei Jahre später, als Jelzin das renitente Parlament im Weißen Haus beschießen ließ, galt das Hotel als schrapnellgefährdeter Galaplatz für Kameraleute.

Aus der Ferne erinnert es an eine eckige Hochzeitstorte, die so stabil wie protzig auf einem breiten Fundament ruht und sich in Etagen nach oben verjüngt. Gotische Kathedralen, klassizistische Säulentempel, russische Festungsbauten und die Kirchen von Kolomenskoje sind zu einem Stil verschmolzen. Balustraden, in Stein gehauene Sowjetsterne, Ecktürmchen und Säulen aller Art zieren die sandfarbenen Fassaden. Die Wirklichkeit begann zu Sowjetzeiten erst hinter der holzgetäfelten Eingangshalle. Hier galt es, zu warten und zu verzichten. Oft waren nur zwei der sechs Fahrstühle in Betrieb. Die Kellner gingen ihre Arbeit gemächlich an. Nur der Schwarzhandel mit Kaviar, den sie im Verborgenen aus ihren abgeschabten Aktentaschen zogen, erweckte sie gelegentlich zum Leben. Mit der Etagenfrau, oft ein Zimmerzerberus, durfte man es sich nicht verscherzen. Sie war im Besitz des einzigen Badewannenstöpsels auf dem ganzen Flur.

Viele deutsche Moskaukorrespondenten hatten in den oft winzig kleinen Zimmern des Ukraina Quartier bezogen. Die technische Ausstattung erschöpfte sich meist in der Abhöranlage. Später kamen mannsgroße Kühlschränke hinzu, laut wie Traktoren. Zur Nacht zog der lärmempfindliche Gast lieber den Stecker und hielt dabei oft die Steckdose gleich mit in der Hand.