Einst war bei Karstadt am Berliner Hermannplatz schwer was los. Direkt aus der U-Bahn strömten die Massen in den 1929 errichteten Bau, der aussah wie aus Fritz Langs Metropolis . 70.000 Quadratmeter, doppelt so groß wie das KaDeWe jener Zeit. Hier las Heinrich Mann aus seinen Büchern. Nach Zerstörung und Wiederaufbau kam die goldene Nachkriegszeit, die Kundschaft brauchte ja alles neu.

Und heute? Gähnende Leere. Bloß an einem Ort pulsiert das Leben, in der outgesourcten Zooabteilung, die jetzt zur Handelskette Das Futterhaus gehört. Hier nagt noch frohgemut der Hase an der Möhre, der Sittich an der Hirsestange, hier wuselt es in tierischer Vielfalt, in Kisten und Kästchen, in Aquarien, Terrarien und Volieren.

Da gibt es den Schwarzen Riesenschnurfüßer, dick wie eine Currywurst, bis zu unterarmlang. Droht ihm Gefahr, verliert er jede Zutraulichkeit, rollt sich zusammen, wird ziemlich giftig. Ein Vorbild für das Management in der Insolvenz? Wohl kaum. Man darf potenzielle Investoren nicht verschrecken. Der Wickelschwanzkink nebenan guckt wie ein aufgebrachter Gläubiger. Mit dem ist nicht zu spaßen. Und was macht die Boa constrictor in ihrem Glashaus? Wie schnell kann sich die Schlinge enger ziehen!

Es kommen Schaulustige, zwei junge Frauen: "Wir wollten heute eigentlich in den Zoo, aber das Wetter ist ja so schlecht." Ein türkischer Junge versucht mit einem Kaninchen zu sprechen: "Hallo." Und richtige Kundschaft: Rebekka Cobau nimmt eine braun gestreifte und eine schwarze Ratte. Sie hat schon Rennmäuse zu Hause, "die sind richtig süß". Aber Ratten seien praktischer: "Die kann man auf der Schulter mit nach draußen nehmen."

Was läuft in dieser Zeit der Kaufhauskrise? "Gerade ist eine Madagaskar Fauchschabe weggegangen", sagt der Verkäufer Jens Boock, Fachmann für Reptilien und Insekten. Die Fauchschabe sieht aus wie eine riesige Küchenschabe, ein Tier wie aus einem Albtraum. Sie hat einen flachen Körper, wird bis zu acht Zentimeter lang und faucht, wenn man ihr auf den Panzer drückt. Sie kann in Terrarien gehalten werden, frisst alles, sollte aber, wie es unter Kennern in einem Internetforum heißt, "absolut ausbruchssicher" untergebracht werden. Da sie es gerne tropisch warm hat, könnte sie sonst nachts unter die Bettdecke schlüpfen.

Werden die Schaben Karstadt retten, wenn sich am Ende dieser Woche entscheidet, an wen der Konzern verkauft wird? Die Zooabteilung jedenfalls floriert. Kein Tier kann skurril genug sein. Der Verkäufer Boock hat selbst ein Chamäleon und Spinnen zu Hause. "Jede Spinne", sagt er, "hat eine eigene Farbe, einen eigenen Charakter." Faszinierend findet er es, "ganz andere Welten nachzubauen", und zeigt auf ein Terrarium, in dem es aussieht wie in der Wüste von New Mexico. Das erinnert an eine Modelleisenbahn: kleine Welten, kleine Fluchten.

Am Rande von Neukölln lädt die Hartz-IV-Realität zur Flucht ein. Aber die Kunden kommen auch vom Dorf, Dirk Falkenberg zum Beispiel, aus dem brandenburgischen Landin. Er hält sich im Gewächshaus Schildkröten. Ihm gefällt ihre Gelassenheit.

Für die Verkäufer wird es jetzt hektisch. Ein Kaninchen geht weg, zwei Meerschweinchen, ein Kunde braucht Pflanzen für sein Aquarium. Dann die Frage: "Lebendfutter für Schleichen, haben Sie was da?" – "Mückenlarven", antwortet Jens Boock, "Mehlwürmer haben wir auch."