Der Mann scheint das Dunkle anzuziehen. Ein Wolkenbruch geht über Frankfurt nieder, als Nouriel Roubini am vergangenen Freitag in einem Nobelhotel in der Mainmetropole seine düsteren Prognosen präsentiert. Die Aussichten für die Weltwirtschaft hätten sich "verfinstert", die Erholung werde "immer wackliger". "Dr. Doom", wie der New Yorker Wirtschaftsprofessor und notorische Schwarzseher genannt wird, enttäuscht seine Anhänger nicht.

Roubini ist einer der wenigen Wirtschaftswissenschaftler, die den großen Crash vorausgesagt haben, und auch heute scheint er wieder richtigzuliegen. Schuldenkrise, Bankenpleiten, Börsenrutsch – eineinhalb Jahre nach dem Kollaps von Lehman Brothers steht die Welt schon wieder gefährlich nahe am Abgrund. Und doch malt "Dr. Doom" die Zukunft diesmal möglicherweise zu schwarz.

Dabei sind die Parallelen zum Herbst 2008 unübersehbar. Längst werden die Anleihen der europäischen Schuldenstaaten mit den windigen amerikanischen Ramschhypotheken verglichen. Wurden nicht in beiden Fällen Kredite vergeben, die nicht hätten vergeben werden dürfen – in den USA an finanzschwache Verbraucher, in der EU an finanzschwache Länder? Für den angesehenen amerikanischen Finanzblogger Edward Harrison ist Griechenland schlicht "Lehman 2.0" . Und wie in den USA während der Immobilienkrise, so werden heute in Europa Kreditrisiken auf breiter Front neu bewertet.

Die alles entscheidende Frage ist, ob die Korrektur geordnet abläuft – oder ob sie in eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale mündet.

Es geht dabei auch um das abschließende Urteil über das bislang scheinbar so erfolgreiche große keynesianische Experiment. Getreu den Lehren des britischen Ökonomen John Maynard Keynes haben die Staaten in der Krise helfend eingegriffen, haben Banken und Unternehmen gerettet und sich hohe Schulden aufgebürdet. Eine weltweite Depression wie in den dreißiger Jahren konnte dadurch zwar abgewendet werden. Wenn jetzt aber reihenweise die Staaten unter der Last ihrer Schulden kollabieren und die Konjunktur erneut nach unten rauscht, hätte die Rettung der Wirtschaft den Tag der Abrechnung womöglich nur verschoben. Für das konservative Wall Street Journal jedenfalls künden die Probleme in Griechenland vom nahenden Platzen der "keynesianischen Blase".

Belege für diese These muss man nicht lange suchen. Der Dax lag jüngst um 14 Prozent unter seinem Jahreshöchstwert, in Spanien entgehen Banken nur knapp dem Zusammenbruch, fast im Wochentakt stufen die Rating-Agenturen die Kreditwürdigkeit von Euro-Staaten herab. Vergangene Woche war wieder einmal die Iberische Halbinsel an der Reihe, selbst Frankreich zittert um seine Topnote. Diese zu verteidigen sei ein "schwieriges Ziel", räumte der französische Haushaltsminister François Baroin ein.

Zum echten Problem aber werden Tumulte in der Finanzsphäre erst, wenn sie die reale Wirtschaft beschädigen. Nach der Lehman-Pleite ist genau das passiert. Innerhalb von wenigen Wochen fuhren die Firmen damals die Produktion herunter und stornierten ihre Bestellungen. Das liegt daran, dass Finanz- und Gütermärkte über vielfältige Einflusskanäle miteinander verwoben sind. Wenn die Aktienkurse sinken, fühlen sich die Bürger ärmer und geben weniger Geld aus. Wenn die Banken kriseln, kappen sie den Kredit und nehmen der Wirtschaft damit die Luft zum Atmen. Wenn den Staaten von den Investoren der Geldhahn zugedreht wird, müssen sie Ausgaben streichen und Steuern erhöhen. Vor allem aber greifen Turbulenzen an den Märkten das Schmiermittel einer arbeitsteiligen Wirtschaft an: Vertrauen. Genau diese destruktiven Kräfte sehen Skeptiker wie Roubini derzeit am Werk.