Ke nako! Die Südafrikaner sprechen das offizielle Motto der nun endlich beginnenden Fußballweltmeisterschaft wie eine Beschwörungsformel aus. Es stammt aus der Sprache der Basotho und bedeutet: Es ist Zeit. Zeit für Afrika.

Achtzig Jahre hat der Kontinent gewartet, nun findet erstmals das Turnier aller Turniere in einem afrikanischen Land statt, in Südafrika. Seit dem Ende der Kolonialherrschaft vor einem halben Jahrhundert und dem Untergang der Apartheid im Jahr 1994 gab es kein Ereignis, das die Afrikaner mehr bewegt hätte. Und keines stärkt ihr Selbstwertgefühl so sehr.

Erinnert sich noch jemand an das apokalyptische Geraune, das die gesamte Vorbereitung begleitete? Planungschaos, wilde Streiks, Attacken gegen Ausländer und überhaupt: die Gewaltkriminalität – die Kaprepublik wurde dargestellt wie ein Kriegsland. Die Südafrikaner hielten sich an ihr zweites, inoffizielles Motto, das an Barack Obamas Erweckungsruf angelehnt ist: Yes, Afri-can! Wir können es auch.

Aber hätte man im Land mit der größten sozialen Ungleichheit der Welt die vielen WM-Milliarden nicht besser für Schulen und Krankenhäuser ausgeben sollen, statt nutzlose Prestigeprojekte zu bauen? Natürlich gibt es sinnvollere Investitionen als hypermoderne Stadien, das gilt für alle Staaten, einerlei, ob sie reich oder arm sind. Wenn aber den Afrikanern Verschwendung vorgeworfen wird, klingt das nach alter kolonialer Bevormundung. Sie sollen gefälligst ihre Armut bekämpfen, sportliche Vergnügen aber mögen ein Vorrecht der wohlhabenden Nationen bleiben. Afrika braucht keine weißen Elefanten!

Man kann da nur Desmond Tutu zustimmen. "Weiße Elefanten – na und?", erklärt der Friedensnobelpreisträger und verweist auf den ideellen Mehrwert der WM. Afrika darf zur Abwechslung einmal anders wahrgenommen werden: nicht als Kontinent der Kriege, Krankheiten und der Korruption, sondern als moderner, aufstrebender, heiterer Erdteil. So sieht es auch die Fifa. Der Weltfußballverband hat die WM 2010 nicht aus Mildtätigkeit an Afrika vergeben, im Gegenteil: Sepp Blatter und Co. treiben die Globalisierung des beliebtesten Massensports voran, um ihre Profite zu steigern. Afrika zählt zu den wichtigsten Wachstumsmärkten, denn dort ist Fußball mehr als ein Spiel, viel mehr.

Es wirkt wie ein Amalgam, das die jungen, fragilen Vielvölkerstaaten seit der Unabhängigkeit zusammenhält und ihre nationale Identität stärkt. Es überwindet Sprachbarrieren, schlägt Brücken zwischen Kulturen und versöhnt manchmal sogar Bürgerkriegsparteien, wie das Beispiel Elfenbeinküste zeigt.

Fußball war immer auch ein Instrument des Widerstands gegen die europäische Fremdherrschaft, vor allem in Südafrika, wo der Rassenwahn weiße, schwarze und farbige Spieler trennte. So besehen, ist der Zuschlag für die WM auch eine späte Anerkennung des Kampfes gegen die Apartheid – ein Geschenk für Nelson Mandela, der sein Land in die Freiheit führte. Seine Nachfolger propagierten den Weltcup als Kernprojekt der African Renaissance, der Selbsterneuerung des Kontinents aus eigener Kraft.