Der Bundespräsident hat wenig zu sagen; umso bedachter muss er reden. Er hat fast keine Macht; deshalb muss er deren Einsatz weise rationieren. Das ist das britische Modell, wo die Monarchin selbst die Thronrede vom Premier diktiert bekommt. Dafür ist Elisabeth auch unantastbar. Doch ist Bellevue nicht Buckingham. Wie die Causa Köhler zeigt, spürt unsere politische Klasse nicht, wann sie den Mann, wann sie das Amt beschädigt.

Spätestens seit Weizsäcker will das Land ohnehin mehr als eine Queen im Zweireiher. Wir wollen mehr als einen Scheel auf dem "Gelben Wagen", einen Wandervogel wie Carstens, einen "Bruder Johannes" – so liebenswürdig sie alle auch im Rückblick erscheinen. Wir wollen den Sinnstifter der Nation, der uns sagt, wo es langgeht, der eine moralische Schneise durch Kleingeist und Eigennutz schlägt. Aber bitte nicht zu heftig, also keinen Herzog, dessen "Ruck-Rede" (1997) im Spott ertrank; auch keinen Köhler, der mal die Agenda 2010 zu timide fand, mal die Märkte als "Monster" geißelte.

"Ein Mann für alle Jahreszeiten" wie Thomas Morus muss er sein, der Weise und Gerechte im England des Achten Heinrich. Doch auch der Philosoph überlebte das Ränkespiel bei Hofe nicht. Hier wird niemand geköpft, aber das Präsidialamt ist kein "Gelber Wagen" mehr; es scheint wie einst das Verteidigungsministerium zum Schleudersitz der Republik zu werden.

Das Volk würde Joachim Gauck wählen, wenn es denn dürfte

Die "Job-Beschreibung" könnte widersprüchlicher nicht sein: Würde und Volkstümlichkeit, Autorität und Anpassung, Sittenwächter und Versöhner, hartes Kinn und weiche Manieren, rhetorische Brillanz statt Textbausteinen, neue Gedanken, aber bekömmlich serviert, schließlich ein sensibles Radar für Fallstricke und Heckenschützen. Dazu muss der Kandidat auch seines eigentlichen Amtes walten können: mal wie Heuß und Lübke verfassungswidrige Gesetze ablehnen, mal quälende Entscheidungen fällen wie Carstens, der 1983 nach Kohls absichtlich verlorener Vertrauensfrage den Bundestag auflöste (was ihm Karlsruhe verziehen hat). Und all das mit strikter parteipolitischer Neutralität.

Wer will sich das antun, wer kann es? Sie wollen und könnten es beide: Christian Wulff , der Kandidat der Koalition, und Joachim Gauck , den Rot und Grün aus just dem Hut hervorgezaubert haben, aus dem sich besten Gewissens auch die Kanzlerin hätte bedienen können.

Wulff, 50, ist zwar das Produkt Merkelscher Machtarithmetik, aber beileibe nicht ein "blasser Herzbube", wie ihn der Spiegel nennt. Wer in Hannover zweimal gegen Gerhard Schröder verliert, dann ein drittes Mal, diesmal gegen dessen Nachfolger Sigmar Gabriel, antritt und gewinnt, ist mit allen politischen Wassern gewaschen. Wer als Scheidungskind die kranke Mutter pflegt und die jüngere Schwester mit aufzieht, zeigt eine Charakterstärke, die nicht ganz in das Bild vom glatten Karrierestreber passt.

Joachim Gauck, 70, der "Quereinsteiger", verkörpert auch nicht ganz das Gegenprinzip, das ihm die Medien andichten – eine Mischung aus Luther und Johanna von Orléans, die für ihre Überzeugungen ihr weltliches Leben riskierten. Wer zehn Jahre lang die Stasibehörde regierte, wer sich des Sperrfeuers (und der Scharfschützen) aus Deutschland Ost und West erwehren konnte, ist nicht bloß ein wortmächtiger Prediger, sondern ein gewiefter Politiker, der anders als Köhler weiß, wie das Spiel funktioniert.