Dort, wo bald die beste Schule Österreichs stehen soll, zirpen noch die Grillen. Heinz Herczeg steht im Gras und sieht bis zum Horizont nur Bäume, Felder und Weinreben. Gleich dahinter liegt der Neusiedler See. Hoch über dem nahen Golfplatz folgt ein Storch seiner Route. "Diese Natur", schwärmt der Mann mit den grauen, kurz geschorenen Haaren, "einmalig, was wir den Kindern hier bieten können." Er hat doch noch Baugrund bekommen am Stadtrand von Neusiedl. Unmittelbar hinter der Ortstafel der burgenländischen Bezirkshauptstadt soll seine Vision Realität werden. Heinz Herczegs "Lebensschule".

Als der 46-Jährige einige Wochen zuvor zum ersten Elternabend lädt, hat seine Schule nicht einmal eine Postadresse. Dennoch folgen etwa 50 Mütter und Väter seiner Einladung in das schicke Weingut Hillinger im Nordburgenland. Der drahtige Mann mit dem einnehmenden Lächeln erzählt ihnen von einer Privatschule, wie sie das Land noch nicht gesehen habe. Hier sollen die Pädagogen nicht Lehrstoffvermittler sein, sondern motivieren und fördern. Für ein Bildungszentrum neuen Typs wirbt der Mann, für ein durchgängiges Konzept, vom Kindergarten bis zur Maturaklasse. Bereits im Herbst werde er eine Schule eröffnen, referiert der Selfmade-Pädagoge, eine Lernoase, die den Kindern die Angst vor dem Durchfallen und den Eltern das Geld für Nachhilfestunden erspare. "Kleine Unternehmer" gedenkt der Vater zweier Kinder auszubilden, und er meint nicht elitäre Zöglinge mit Schlips und Aktenköfferchen, sondern Menschen, die ihre "Berufung erkennen und erleben".

Ein Personalberater aus Ebenfurth fordert die Bürokratie heraus

So wie Herczeg selbst. Als sein Sohn Konstantin und seine Stieftochter Katharina vor drei Jahren eingeschult werden, meint er bald zu bemerken, wie "das Potenzial der Kinder systematisch kaputt gemacht" werde. Doch der Mann aus dem nahe Wiener Neustadt gelegenen Ebenfurth ist keiner, der sich damit abfinden will. Im Oktober 2009 wacht der Familienvater eines Morgens auf und weiß: Ich baue eine Schule! Nicht nur für den eigenen Nachwuchs, sondern auch für andere leidgeprüfte Kinder. Fortan lässt ihn die Idee nicht mehr los. Er studiert pädagogische Fachliteratur, besucht Diskussionen. Als er vergangenen Herbst in Bildungskarenz geht, sieht er die Zeit gekommen, den Träumen Taten folgen zu lassen. Einen "Milestone" nennt Herczeg diese Entscheidung.

Die Managersprache kommt nicht von ungefähr: Abseits der pädagogischen Berufung ist Herczeg Personalberater bei der Leiharbeitsfirma Trenkwalder im niederösterreichischen Schwadorf. Dass er bis vor Kurzem von Lehrplänen keine Ahnung hatte, sieht der Schuldirektor in spe sogar als Vorteil: "Wenn ich Pädagoge gewesen wäre, glaube ich, hätte ich mir das nicht angetan, weil ich nur die Hürden gesehen hätte", sagt er: "Wenn ich die Hürden aber nicht kenne, sehe ich nur das Ziel."

Dass seine Schule bald nach der Eröffnung das Öffentlichkeitsrecht erhält, damit rechnet Herczeg fest. Dass sich erst 20 Kinder für die insgesamt hundert Plätze in der ersten Ausbaustufe mit zwei Kindergartengruppen und vier Volksschulklassen angemeldet haben, lässt ihn unverdrossen an seiner Vision festhalten. Nein, ein diffuser Drang nach Selbstverwirklichung oder kalkulierte Geschäftemacherei treiben diesen Mann nicht an. Es wirkt ehrlich, nachgerade naiv, wenn er trotz ergrauter Schläfen mit kindlicher Euphorie von seiner Schule schwärmt. Vielleicht zu naiv.

Schließlich ist es ein ehrgeiziges Projekt, mit dem der selbst ernannte Reformer das öffentliche Schulsystem herausfordert. Höchstens 15 Kinder sollen in den Klassen sitzen. Sorgsam achtet Herczeg auf die Qualität des Lehrpersonals. Bereits im April wurden bei einem Hearing aus 43 Bewerbern die besten neun ausgewählt. "Hier wird Schulgeschichte geschrieben, und ich möchte dabei sein", erklärte eine Kandidatin bei dem Lehrercasting. Mittlerweile hat der Schulgründer eine Handvoll Bildungsfachleute um sich geschart, etwa den Schulbuchverleger und Pädagogen Michael Lemberger. Dessen Modell des "Kompetenzlernens" will Herczeg umsetzen. Individuell und praxisnah sollen die Kinder unterrichtet werden. Sprachen stehen ebenfalls auf dem provisorischen Lehrplan, neben Englisch auch Slowakisch und Ungarisch.

Dieses Angebot soll vor allem Schüler aus den östlichen Nachbarländern nach Neusiedl locken. Nur wenige Kilometer sowohl von der slowakischen Metropole Bratislava als auch von der Grenze zu Ungarn liegt die beschauliche Bezirksstadt entfernt. Hunderte Firmen haben sich in den vergangenen Jahren in der grenzüberschreitenden Wirtschaftsregion angesiedelt. Was fehlt – so Herczegs Kalkül –, ist eine exklusive Privatschule für die Sprösslinge der Besserverdiener.