Die Gesellschaft ist durchlässiger geworden, zumindest bei Mercedes, wo die Baureihen nach "Klassen" unterschieden werden. Bislang, so schien es, galten dort klare Grenzen. Der Kleinbürger fuhr A-, B- oder C-, der Großbürger E- und alle darüber S-Klasse . Weitere Orientierung bot die Zahl am Heck. Sie stand für den Hubraum in Dezilitern. Da wusste man, was vorne drin war, und die Welt erschien so übersichtlich wie ein Jägerzaun. Nun kommt beim E-Klasse-Cabrio alles durcheinander. Das Gesicht mit den rhombenförmigen Scheinwerfern erinnert an die E-Klasse, die Basis stammt von der C-Klasse. Hintendran steht eine 250, aber der Hubraum beträgt nur 1,8 Liter. Das nur für alle, die es genau wissen wollen. Denn die Motorleistung reicht locker für dieses viersitzige Luftschloss.

Die Autotests aus dem ZEITmagazin © Zeit Online

Cabriobauen ist ein Handwerk für Illusionisten geworden. Sie preisen offene Autos als Verheißung von Jugendlichkeit und Virilität, als Oase der Lebenslust, in der man die Natur intensiver spüre; sogar, wenn man in der Stadt meist die Abgase des anderen inhaliert. Temperaturen? Längst kein Thema mehr. Im Winter zaubern sie den Sommer herbei. Kappe und Schal, mit denen man sich früher umständlich selbst gegen den Wind schützte, sind heute gleich eingebaut. Airscarf und Aircap heißen diese Features bei Mercedes. Das erste steht für ein System von Warmluftdüsen in den Kopfstützen, beim zweiten handelt es sich um einen Windabweiser, der aus dem Rahmen der Windschutzscheibe hochfährt. Im Zusammenspiel mit Sitzheizung und Klimaanlage bekommt man so in der Tat das Gefühl, in einem Kaminzimmer zu sitzen. Nein, nicht ganz. Das Dach ist ja offen. Man merkt es nur kaum. Die Aerodynamik ist so gut berechnet, dass man selbst bei stahlgrauem Himmel und Temperaturen im einstelligen Bereich offen fahren kann, ohne hinterher zum Arzt zu müssen. Oder wenigstens zum Friseur. Wenn das Verdeck doch mal geschlossen ist, bleibt vom Fahrtwind nur ein Säuseln.

Vorbei die Zeiten, in denen Cabriofahrer als wilde Kerle galten, die gegen die Unbilden der Natur anfuhren. Heute zeigen sie mit solchen Wagen eher, dass sie den Urgewalten der Finanzmärkte trotzen. Die Hochrüstung gegen die Zugluft wirkt ein bisschen gaga, wie Skifahren in der Halle. Schön zu sehen, was technisch alles geht, aber dieses rundum gepamperte Wellness-Center verspricht definitiv keinen Rock ’n’ Roll, sondern wirkt, bei allem Respekt vor den grundsoliden Mercedes-Eigenschaften, eher wie ein Kurkonzert: nicht furios, aber durchaus charmant.

Ralph Geisenhanslüke ist ZEIT-Autor