An seinen ersten Arbeitstag bei Heidelberg Druck erinnert sich Oskar Knebel noch ganz genau. Zwei lange Stunden saß er beim alten Herrn Kirchgässner in der Pforte und schwitzte. 20 Rechenaufgaben und ein Aufsatz, das war 1960 der Einstellungstest für 14-Jährige wie Oskar, die direkt nach der Volksschule eine Lehre als Dreher anfangen wollten. Der Werksleiter überflog die Seiten und sagte: "Du bist eingestellt." Seitdem stand Oskar jeden Morgen um halb sechs am Schraubstock und schaffte 45 Stunden in der Woche im Akkord, auch am Samstag, und das für 2,81 Mark die Stunde. Oskar Knebel machte seine Gesellenprüfung, eine praktische Prüfung, die sein Meister aus dem Betrieb abnahm. Zur Berufsschule, wie die Lehrlinge heute, ging er damals nicht. Die Lehrlinge mussten in den Wirtschaftswunderjahren von Anfang an so anpacken wie jeder gelernte Arbeiter auch. "Schaffen, schaffen, schaffen" war das Motto. Seit Oskar Knebel vor einem halben Jahrhundert angefangen hat zu arbeiten, hat sich viel verändert, auch bei Heidelberg Druck. Aber Knebel ist seiner Firma treu geblieben.

Heute ist der Arbeitsmarkt flexibler geworden , viele Berufseinsteiger können sich gar nicht mehr vorstellen, ihr Leben lang in einem einzigen Betrieb zu bleiben – oder sie bekommen nicht die Chance dazu . Dadurch kann Unternehmen ein wichtiges Gut verloren gehen – Identifikation. "Es lohnt sich, erfahrene Mitarbeiter zu halten", sagt Klaus-Helmut Schmidt vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund. Zusammen mit Wissenschaftlern von der TU Dresden hat er 2008 eine Studie über die Vor- und Nachteile altersgemischter Teamarbeit veröffentlicht . In Workshops versucht sein Institut Führungskräfte davon zu überzeugen, dass ältere Arbeitskräfte ein wahrer Gewinn für das Unternehmen sein können, wenn man sie denn richtig einsetzt. Wie das gelingen kann, zeigt auch die Geschichte von Irmgard Stengel.

Seit 40 Jahren arbeitet die Dekordruckerin nun schon für den Porzellanhersteller Rosenthal. Das ist nicht selbstverständlich, bis vor wenigen Monaten war noch nicht einmal klar, ob es mit Rosenthal überhaupt weitergeht. Nach der Pleite des englischen Inhaberkonzerns musste auch Rosenthal Insolvenz anmelden. Als Betriebsrätin saß Irmgard Stengel in den Gremien, in denen über die Zukunft des Unternehmens beraten wurde. Erst jetzt hat die 57-Jährige wieder die ruhige Hand, für die sie im Werk bekannt ist. Zwischenzeitlich war sie so nervös, dass ihr die Dekorfolien, die sie mit einem weichen Gummispachtel und etwas Schmierseife auf das nasse Porzellan streicht, verrutschten. Dann ist das ganze Stück verdorben, und man muss von vorn anfangen.

Ihren angenehmen Einzelarbeitsplatz abseits der lauten Maschinenhalle und die flexiblen Arbeitszeiten hat sich Irmgard Stengel erst über die Jahre erarbeitet. Als die 14-Jährige "Irmi" bei Rosenthal anfing, wurde sie zunächst für das Malen einfacher Gold- und Silberränder angelernt. Nach der Geburt der beiden Töchter und insgesamt drei Jahren Babypause dekorierte Stengel acht Jahre lang in Heimarbeit Tassen und Untertassen. Anfang der Achtziger dann kam der Werksleiter persönlich zu ihr nach Hause und bat sie, als Vorarbeiterin wieder in die Fabrik zu kommen. Ihre Erfahrung wurde dringend gebraucht. Irmgard Stengel ließ sich nicht lang bitten. In der sogenannten Hausfrauenschicht von fünf Uhr nachmittags bis neun Uhr tauchte sie mit bloßen Händen das Porzellan in das Glasurbad und stellte es auf das Fließband, das zum Ofen führte. Noch immer sind ihre Finger ganz trocken und rau von der Arbeit. Heute übernehmen solche Arbeiten Maschinen. Aus 8000 Mitarbeitern, die noch in den Siebzigern bei Rosenthal angestellt waren, sind heute 1000 geworden. Der eine Roboter formt inzwischen die Tassen, der andere presst die Henkel dran, vollautomatisch fährt alles in den Ofen. Sogar einen Putzroboter gibt es. Nur zur Qualitätskontrolle ist das menschliche Auge noch unentbehrlich. Und für die Präzisionsarbeit des Malens und Dekorierens, die Irmgard Stengel in den 40 Jahren bei Rosenthal perfektioniert hat.

Doch nicht nur das fachliche Know-how geht verloren, wenn Unternehmen ältere Mitarbeiter entlassen. Auch das Wissen über wichtige Zusammenhänge in der Firma bricht weg . Nur in einer Belegschaft, die lange zusammengearbeitet habe, könne sich solches Organisationswissen "vererben", sagt Arbeitssoziologe Klaus-Helmut Schmidt. Dasselbe gilt für die Firmengeschichte und betriebsinterne Anekdoten, die die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen stärken. Bei Heidelberg Druck ist es zum Beispiel Oskar Knebel, der all dies an die jungen weitergibt. Heute, mit 64, ist er Ausbildungsleiter für Industriemechaniker am Standort Wiesloch. Zusammen mit seinen zwölf Ausbildungsmeistern hat er 240 Jugendliche unter seinen Fittichen, 60 davon bringt er jedes Jahr erfolgreich durch die Prüfung der Industrie- und Handelskammer. Gut 2000 junge Menschen sind in den letzten 30 Jahren durch seine Schule gegangen. Das, was Oskar Knebel als Lehrling selbst nicht bekommen hat, ist das große Thema seines Berufslebens geworden. Er war es, der den Lehrlingen einwöchige Ausbildungsseminare verordnete, damit sie das Unternehmen erst mal kennenlernten. Er war es, der den Ausbildungsplan an die Reformen des Berufsbildes vom Werkzeugdreher zum Maschinenschlosser bis hin zum heutigen Industriemechaniker anpasste und immer die neuesten pädagogischen Methoden anwendete. Dabei hat er immer wieder neue Mitarbeiter an die Firma gebunden. "Die Philosophie unseres Unternehmens hat mir Herr Knebel schon in der Ausbildung vermittelt", erzählt einer, der einst von Knebel angeleitet wurde und heute sein Kollege ist. "Wir sind eine Familie, wir halten zusammen, und jeder wächst mit seinen Aufgaben auch als Mensch."

Eine Karriere wie die von Oskar Knebel wird es in Zukunft wohl immer seltener geben. Um vorwärtszukommen, werden Jobwechsel vorausgesetzt, und Einstiegsverträge gibt es überhaupt oft nur noch befristet. Klaus-Helmut Schmidts Studien zeigen jedoch, dass befristet Angestellte weniger bereit sind, sich außerhalb der Arbeitszeiten für das Unternehmen zu engagieren. Sie identifizieren sich schlicht nicht wirklich mit ihrem Arbeitgeber. Oskar Knebel ist einst als junger Angestellter nach Feierabend zur Abendschule gegangen, hat seinen Meister gemacht und die Ausbildung auch noch selbst finanziert – für sein Unternehmen. Ein halbes Jahrhundert bei einer Firma, das ist schon heute ungewöhnlich. Betriebsjubiläen wie das von Oskar Knebel gehören zu einer anderen Zeit.