ZEITmagazin: Lieber Herr Schmidt, haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt, aus der Kirche auszutreten?

Helmut Schmidt: Nein.

ZEITmagazin: Aber ein besonders religiöser Mensch sind Sie doch nicht.

Schmidt: Stimmt, bin ich nicht. Ich bin ein sehr distanzierter Christ.

ZEITmagazin: Warum kam ein Austritt dann nie für Sie infrage?

Schmidt: Warum hätte er infrage kommen sollen?, muss ich gegenfragen.

ZEITmagazin: Vielleicht aus Ärger über eine bestimmte Entwicklung, über bestimmte Personen, den Zustand der Kirchen.

Schmidt: Eine menschlich und politisch bedeutsame Entscheidung aus einem ärgerlichen Anlass zu treffen, das ist eigentlich nicht meine Art.

ZEITmagazin: Können Sie es denn verstehen, dass viele Menschen aus der Kirche austreten, im Moment vor allem aus der katholischen?

Schmidt: Mich überrascht das nicht. In Westeuropa haben wir es seit der Französischen Revolution mit einer schrittweisen Säkularisierung zu tun. Ich glaube, dass sich dieser Prozess im 21. und auch im 22. Jahrhundert fortsetzen wird. 

ZEITmagazin: Sind die Austritte aus der katholischen Kirche nicht auch eine Folge der Missbrauchsfälle, die jetzt ruchbar geworden sind?

Schmidt: Die Missbrauchsfälle sind der Auslöser für die Austritte, nicht deren Ursache. Die Ursache ist eine zunehmende Distanzierung von der Kirche, die schon zuvor latent vorhanden war.