Hat es im Fußball jemals eine Weltmeisterschaft gegeben, bei der so viele Stars schon vor dem ersten Spiel ausgeschieden sind? Es ist wie verhext. Die Deutschen kommen ohne Michael Ballack nach Südafrika, den Capitano, England muss ohne seinen Ballack Rio Ferdinand antreten und ohne sein Maskottchen Beckham. Ghana hat im Sturm keinen Michel Essien, die Elfenbeinküste vielleicht keinen Didier Drogba, bei den Holländern zittern sie um Arjen Robben. Dem Geheimtipp aus Paraguay, Salvador Cabanas, dem besten Spieler Südamerikas, zumindest in Paraguay, hat im Verlaufe einer Auseinandersetzung jemand in den Kopf geschossen. Es geht ihm wieder besser, er will spielen, aber die Kugel steckt immer noch in seinem Schädel, die Ärzte halten das für ein Hindernis.

Der Weg ist frei, so scheint es, für den großen Unbekannten, den Überraschungshelden.

1958, bei der Fußball-WM in Schweden, traten zum Beispiel die Brasilianer mit einem 17-Jährigen an, der Pelé hieß und den in Europa kaum einer kannte. 1990, in Italien, bot die Mannschaft von Kamerun einen 38-jährigen Stürmer auf, der den größten Teil seiner Karriere in der zweiten französischen Liga verbracht hatte, inzwischen war er im Ruhestand, ohne Verein, ein Niemand. Dieser Roger Milla schoss vier Tore und brachte Kamerun ins Viertelfinale, als erste afrikanische Mannschaft. Nach jedem seiner Treffer tat er etwas, was man in Europa noch niemals gesehen hatte, er führte rund um die Eckfahne einen Tanz auf, der Makossa hieß.

Manchmal scheitern gerade diejenigen, an die vorher alle geglaubt haben. 1982, WM in Spanien: Ein neuer Stern soll aufgehen, jeder Experte sagt es voraus, der Stern des genialen 21-jährigen Argentiniers Diego Maradona. Aber Maradona spielt 1982 keine gute WM.

Messi! Vor dem Anstoß in Südafrika reden manche über Lionel Messi, wie sie 1982 über Maradona geredet haben, ein junger Wunderfußballer aus Argentinien, eine sichere Bank. Nur einer kann Messi stoppen. Das ist sein chaotischer, unberechenbarer Trainer, das ist ausgerechnet Maradona. Messi im Verein und Messi in der Nationalmannschaft, das war in letzter Zeit hui und pfui, ein bisschen wie Podolski, nur umgekehrt. Der Gärtner, dort, wo ich in Pretoria wohne, ist auch ein Experte, er sagt: "Noch nie ist eine Mannschaft mit einem so verrückten Trainer Champion geworden." Ich frage: "Kennen Sie Christoph Daum?"

Cristiano Ronaldo! Ein ähnlich unsicherer Tipp wie Messi, ein großer Fußballer, der aber in einem Team spielt, Portugal, dem diesmal niemand etwas zutraut. Viele Fantasien kreisen um Wayne Rooney, den Engländer, bestens in Form, sogar charakterlich gereift, so weit dies bei englischen Stürmern möglich ist, und im besten Alter.

Die Spanier, die in den Wettbüros Favoriten sind (und die Wettbüros hatten ja auch bei Lena Meyer-Landrut schon recht), die Spanier werden vor allem als starke Mannschaft wahrgenommen, als Einheit. Ihre besten Leute wie Iniesta, Torres oder Xabi Alonso haben noch längst nicht den Nimbus wie einst die großen Italiener oder Brasilianer. Bei den Brasilianern ist der Abwehrchef Lucio auf dem Weg zur Legende, womöglich ist Brasilien ja zum ersten Mal in der Verteidigung stärker als im Sturm, unglaublich. Die Offensivkräfte Kaká und Robinho haben in den letzten Monaten jedenfalls geschwächelt, und die Namen des neuen brasilianischen Stürmerwunders kennt noch nicht jeder: Luis Fabiano.