DIE ZEIT: Glückwunsch! Wie fühlt man sich als oberster Kassenwart des Gesundheitssystems ?

Jürgen Windeler: Ich bin kein Kassenwart, sondern lediglich der designierte Chef eines Instituts, das Empfehlungen darüber abgibt, was die gesetzlichen Krankenkassen sinnvollerweise erstatten sollten und was nicht. Dabei spielt die Kostenfrage – bisher jedenfalls – neben dem Inhaltlichen nur eine untergeordnete Rolle.

ZEIT: Das dürfte sich bald ändern. Gerade hat der zuständige Minister angekündigt, dass pro Jahr zwei Milliarden Arzneikosten eingespart werden sollen. Warum tun Sie sich das an?

Windeler: Ich tue mir das nicht an. Niemand hat mich überredet oder gar gezwungen. Es geht um die Gestaltung unseres Gesundheitssystems, und es reizt mich, in dieser wichtigen Position daran mitzuarbeiten. Ja, das ist ein politischer Posten, manche sagen auch ein Schleudersitz. Aber derartige Einschätzungen schrecken mich nicht.

ZEIT: Laut Reformplan soll die Industrie die Daten für die Bewertung neuer Arzneien liefern. Was, wenn die Hersteller kritische Studien dabei einfach nicht vorlegen?

Windeler: Wir müssen die Firmen natürlich dazu verpflichten, alle Erkenntnisse mit uns zu teilen. Wir müssen das auch nachprüfen – und bei Nichtbefolgen sanktionieren. Sollten die Prüfer auf unvollständige Unterlagen stoßen, würde sich das auf die Empfehlung und letztlich auch auf die Preise auswirken. Das Produkt würde dann so behandelt, als ob es keinen Zusatznutzen gegenüber bewährten billigen Therapien hat.

ZEIT: Höchststrafe Festbetrag? Der ist für Scheininnovationen doch sowieso vorgesehen.

Windeler: Wer sagt denn, dass wir damit schon am Ende unserer Möglichkeiten sind? Wenn Firmen wichtige Erkenntnisse zu ihren Therapien verschweigen, könnte sie das am Ende sogar ihre Zulassung kosten.

ZEIT: Rückwirkend?

Windeler: Klar. Man kann sich fragen, ob es nicht zweckmäßiger wäre, Arzneimittel schon bei der Zulassung zu bewerten…

ZEIT: …aber das hat die Industrie verhindert. Nun soll sie die Preise weiter frei festlegen und nach der Beurteilung ein wenig Rabatt geben. Das nennt man normative Kraft des Faktischen.

Windeler: Ich baue eher umgekehrt auf die normative Kraft unserer Nutzenbewertung. Bei Therapien, für die es billige und bewährte Alternativen gibt, werden die Anbieter sicher nicht riskieren, ihre Preise nach der Produkteinführung nach unten anpassen zu müssen. Das wäre peinlich. Die Unternehmen werden also gezwungen sein, sich bei Produkten mit zweifelhaftem Zusatznutzen schon von Anfang an am Festbetrag zu orientieren.

ZEIT: Sind Sie da nicht reichlich optimistisch?

Windeler: Wir werden sehen. Bisher wurden solche Bewertungen nicht regelhaft durchgeführt. Da ist so eine Pflichtprüfung zeitnah zur Zulassung schon ein großer Schritt in die richtige Richtung. Und sollte das Verfahren nicht die gewünschte disziplinierende Wirkung entfalten, kann man es immer noch weiterentwickeln.