DIE ZEIT: Der Bundespräsident ist weg, die Regierung muss mit Milliardensummen den Euro retten, und in Berlin beschimpfen die Koalitionspartner einander als Wildsäue und Gurkentruppe. Herr Keitel, wie blicken Sie auf die Politik, mit Entsetzen, Staunen oder Sorge?

Hans-Peter Keitel: Sorge trifft es am ehesten. Einerseits beneide ich niemanden in der Regierung. Die Situation ist schwierig, ich möchte nicht in deren Haut stecken. Aber für den Ton und den Umgang miteinander fehlt mir jedes Verständnis. Der Bundesgesundheitsminister legt ein Reformkonzept auf den Tisch, und ein CSU-Landesminister malt als Reaktion das Ende der Koalition an die Wand – das ist nicht angemessen. Deutschland ist in der Krise, da ist kein Platz für solche Mätzchen.

ZEIT: Sehen das viele Unternehmer so?

Keitel: Ja. Die allermeisten Unternehmen haben die Krise trotz vieler Beschwernisse durchgestanden, ohne großes Aufheben darum zu machen. Das erwarten sie auch von den Regierenden. Ich halte es auch für fatal, mit welcher Geduld zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen Koalitionsverhandlungen geführt werden. Jetzt ist nicht der richtige Moment, um Farben zu sortieren. Jetzt muss die Politik mit der Wirtschaft zusammen für Wachstum sorgen.

ZEIT: Die Regierung hat gerade auf einer Haushaltsklausur ein milliardenschweres Sparpaket entwickelt. Ist Schwarz-Gelb damit ein Neustart gelungen?

Keitel: Auf den ersten Blick ist das Sparpaket nicht unvernünftig…

ZEIT: …Begeisterung klingt anders.

Keitel: Es ist ein deutlicher Schritt nach vorn. Angela Merkel und Guido Westerwelle haben mit dem Sparpaket deutlich gemacht, dass Union und FDP zusammen handlungsfähig sind. Außerdem hat die Bundesregierung sich mit dem Sparpaket selbst unter Druck gesetzt. Eine ganze Reihe der geplanten Sparmaßnahmen sind ein Wechsel auf die Zukunft, denn ein Großteil der notwendigen Konsolidierung ist nur zu erreichen, wenn gleichzeitig Wachstum geschaffen wird.

ZEIT: Das heißt, das Paket enthält viele Luftbuchungen?

Keitel: Das heißt, die Regierung wird bei ihren Entscheidungen noch mehr darauf achten müssen, Wachstum zu generieren. Das ist gut. Insofern geht das Sparpaket in die richtige Richtung.

ZEIT: Aber?

Keitel: Ich halte das Industrieverständnis, das diesen Maßnahmen zugrunde liegt, für grundverkehrt.

ZEIT: Sie zielen jetzt auf die fünf Milliarden Euro ab, die die Wirtschaft mit einer Brennelementesteuer, einer Luftverkehrsabgabe und durch den Subventionsabbau bei erneuerbaren Energien und zum Sparen beitragen soll.

Keitel: Nur damit das klar ist: Ich kritisiere nicht, dass die Industrie belastet wird, sondern wie und aus welcher Motivation heraus sie belastet wird. Was wir nicht brauchen, sind einseitige nationale Belastungen, die den Wettbewerb verzerren. Die Regierung, genauer gesagt, ihr Bundesumweltminister, meint festlegen zu sollen, was technologischer Fortschritt ist, und belastet gezielt und bewusst Unternehmen, die für unsere Wirtschaft unverzichtbar sind. Das ist nicht mutig, sondern kurzsichtig, um es milde zu formulieren.