Den Studenten in Shiraz hat die Universitätsleitung verboten, laut zu lachen. Untersagt sind auch Debatten in der Mensa sowie Nagellack.

Nicht, dass es viel zu lachen gäbe derzeit in Iran. Bleiern liegt Repression über dem Land, besonders drückend in diesen Juni-Tagen. Vor einem Jahr hatte der Betrugsverdacht bei den Präsidentschaftswahlen die größten Proteste seit Bestehen der Islamischen Republik ausgelöst, drei Millionen Iraner gingen auf die Straße. "Grün" hatte sich die Bewegung genannt, nach der Wahlkampffarbe des Reform- Kandidaten Mir Hussein Mussawi: islamisch-grün, hoffnungsgrün. Nun kursieren Aufrufe, klandestin auf Banknoten gestempelt, hastig auf die Rücklehnen von Bussitzen gekritzelt: "Demonstriert am Jahrestag!" Von den auflodernden Erwartungen des vergangenen Sommers ist vieles zu Asche zerfallen.

Die Unruhe ist am ehesten an den Universitäten zu spüren: Bei den 3,5 Millionen Studenten in Iran hat die Demokratiebewegung den größten Rückhalt. Wo immer Präsident Ahmadineschad auftaucht, hallen Slogans über den Campus: "Nieder mit der Diktatur!" Um ihre Solidarität mit Häftlingen im Hungerstreik zu zeigen, stellen Studenten ihr Mensa-Essen in die Gänge der Universitäten: Ein endloses Band von Metalltabletts zieht sich durch die Korridore.

Dieses oppositionelle Lebensgefühl hat ein Erkennungslied: Yare Dabestani Man, "mein Grundschul-Freund"; ein autoritärer Lehrer wird darin zur Allegorie allgemeiner Tyrannei. Das Lied zieht sich durch Jahrzehnte der Freiheitssehnsucht: ursprünglich ein Klassiker der Revolutionsära, dann entdeckt von der Studentenbewegung der neunziger Jahre, die blutig niedergeschlagen wurde. Seit der Wahl 2009 verleiht nun diese Melodie jeder hastigen Widerstandsaktion politische Eindeutigkeit. Jemand stimmt die ersten Töne an, und es scheint eine Kraftwelle durch das Häuflein der Beteiligten zu gehen. Ein Lied gegen die Angst, ein iranisches We shall overcome.

Die Unterdrückung: Um zu verstehen, wie verschwindend klein der Bewegungsspielraum der Grünen Bewegung ist, muss man die Repression kennen. Sie ist vielschichtig: hier archaisch, dort modern, hier Folter, dort Hightech. Wie viele Dissidenten in Haft sind, weiß niemand genau: Freilassungen auf Kaution, zu horrenden Summen bis 800.000 Euro, und neue Festnahmen überlagern sich ständig. Viele sind geflohen. In der Türkei warten 3000 Iraner auf Visa für westliche Länder. Allein 60 Journalisten und Blogger sitzen derzeit in Haft. Zwar hat der Revolutionsführer Chamenei 81 zu drakonischen Strafen verurteilte Demonstranten zur Feier des Geburtstags der Prophetentochter Fatima begnadigt. Doch die Reformpresse ist fast völlig verboten; den zwei größten Reformparteien wurde die Zulassung entzogen, auch der Gruppierung des früheren Präsidenten Mohammed Khatami. Eigens trainierte Revolutionswächter firmieren als "Cyber-Polizei", hacken Websites, mischen sich als Facebook-"Freunde" unter Dissidenten, sperren Blogs. Immer mehr Überwachungskameras hängen auf Straßen, in Wohnheimen. Sogar das Versenden oppositionell gefärbter SMS wird bestraft mithilfe der Überwachungs-Technologie von Nokia Siemens. "Viele meiner Mandanten sitzen nur wegen der Nokia-Telefone im Gefängnis", sagt Shirin Ebadi, Anwältin und Friedensnobelpreisträgerin.

Das Regime wagt es nicht, die Führer der Opposition zu verhaften

Die Hinrichtungen. Sie sind der schwärzeste Teil einer furchterregenden Drohkulisse vor dem Jahrestag. Fünf Exekutionen von tatsächlichen oder vermeintlichen kurdischen Separatisten – das war auch eine Warnung an die Grüne Bewegung. Dann folgten im Mai Todesurteile gegen sechs Dissidenten, die nach den Wahlen demonstriert hatten: wegen "Feindschaft gegen Gott". Zwei andere waren bereits zu Jahresbeginn gehenkt worden. Der Albtraum iranischer Eltern: der Sohn, die Tochter hingerichtet wegen einer Demonstration.

Und doch existieren Inseln subversiver Öffentlichkeit. Satire- und Gedichtabende: 100, 200 Leute aller Altersstufen kommen über Mundpropaganda zusammen. Der Abend ist öffentlich, ein Wettbewerb mit Jury. Vorgelesen wird am Stehpult, manchmal politisch sehr gewagte Dinge. Und irgendwie schaffen es bekannte Regimekritiker immer wieder, an Universitäten vor großem Publikum aufzutreten. Danach, auf dem Weg zum Auto, werden sie von regimetreuen Studenten überfallen.