Vier Regierungschefs in vier Jahren hat Japan verbraucht. Der letzte, Yukio Hatoyama, wollte das völlig verkrustete politische System reformieren – und trat nach nur acht Monaten zurück. Jetzt kommt der Nächste, und die Japaner schauen nicht resigniert weg, sondern bejubeln den Mann.

Denn in den schlichten Bungalow des Premierministers neben dem Tokyoter Kaiserpalast zieht jetzt ein ganz neuer Typ: Naoto Kan, 63 Jahre, gelernter Physiker. Sohn eines einfachen Angestellten einer Zementfabrik mit einer Biografie der Tabubrüche. Verheiratet gegen den Willen der Eltern mit seiner Cousine Nobuko, die heute den Spitznamen "Japans Hillary" trägt. Charakter: aufbrausend. Auf einer Visitenkarte ließ er einmal seinen Spitznamen "Ira-Kan" (deutsch: genervter Kan) drucken. Japaner sind gewöhnlich höflich und geduldsam. Kan will es nicht sein. Seine Anhänger tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Yes, we Kan!"

Kans Lebenslauf ähnelt allerdings weniger dem von Barack Obama als dem von Joschka Fischer: Von der Studentenbewegung über den Bürgerprotest zur Parteipolitik. Bei Sinnkrisen begann er nicht zu joggen, sondern begab sich mit geschorenem Kopf auf Pilgerreise. In Japan, wo die vorigen acht Regierungschefs aus etablierten, elitären Politikerdynastien stammten, klingt diese Biografie für einen Premierminister absolut exotisch. Kans Wahlkreis liegt seit 30 Jahren im kleinbürgerlich-liberalen Tokyoter Westen mit seinen vielen Universitäten. Früher begegnete man ihm dort auf jeder größeren Veranstaltung gegen Atomkraft und für den Frieden. Er war ein guter Redner und gefiel der Tokyoter Intelligenzija, weil er keiner der damals großen Parteien, Liberaldemokraten oder Sozialisten, beitrat.

Stattdessen versuchte er es mit eigenen Parteigründungen. Dadurch gelangte er Mitte der neunziger Jahre durch eine Koalition mit den Liberaldemokraten in das Amt des Gesundheitsministers – und stellte sein eigenes Ministerium unter Anklage. Beamte hatten die Vergabe HIV-verseuchter Blutkonserven durch einige große Chemiekonzerne vertuscht. Kan deckte den Skandal auf, ließ die eigenen Mitarbeiter vor Gericht bringen und fiel beim Besuch der Mutter eines verstorbenen HIV-Opfers auf die Knie. So viel Demut hatte zuvor kein japanischer Minister vor dem Volk gezeigt. Kan stieg zum populärsten Politiker des Landes auf – und nutzte den Schwung, um 1996 mit der Demokratischen Partei die heutige Regierungspartei zu gründen.

Nun war er nicht mehr Außenseiter, sondern Führer einer neuen politischen Kraft, die mehrheitsfähig werden, die mächtigen Liberaldemokraten aus ihrer Rolle als ewige Regierungspartei verdrängen und das Land reformieren wollte. Erste Anläufe scheiterten. Zweimal musste Kan von seinem Amt als Parteichef zurücktreten: einmal nach einer Affäre mit einer Fernsehjournalistin, was seiner politisch sehr engagierten Ehefrau in Anspielung auf die Liebschaft Bill Clintons den Beinamen Hillary einbrachte. Ein zweites Mal, weil er zehn Monate lang seine pflichtgemäßen Pensionszahlungen versäumte, was eine Midlife-Crisis und die erwähnte Pilgerwanderung nach sich zog. Am vergangenen Freitag kam er dann ganz oben an: Die Demokratische Partei wählte ihn zum dritten Mal zu ihrem Vorsitzenden und anschließend im Parlament zum Premierminister.

Kan erfüllt alle Kriterien für das Etikett "Hoffnungsträger", wäre da nicht der Schatten des bislang mächtigsten Mannes in der japanischen Politik – jenes Mannes, der für das alte, verkrustete Japan steht und den Kan nun offenbar gestürzt hat.

Jede politische Karriere im Japan der letzten 20 Jahre hat sich entscheidend im Verhältnis zu ihm definiert: Ichiro Ozawa. Ozawa ist die große Schattenfigur der japanischen Politik, ihm haftet nach Ansicht der meisten Japaner etwas Dämonisches an, entsprechend unbeliebt ist er. Aber ohne Ozawas legendäres Geschick als Wahlmanager hätte Kans Partei vermutlich nie die Wahlen gewonnen.

Bis zur vergangenen Woche war Ozawa Generalsekretär der Demokratischen Partei. Dann aber musste er wegen einer Parteispendenaffäre gehen. Gleichzeitig trat Kans Vorgänger Yukio Hatoyama zurück – ebenfalls wegen illegaler Parteispenden und eines gebrochenen Wahlversprechens: Hatoyama wollte die amerikanische Militärbasis in Okinawa schließen und verlegen lassen. Die Amerikaner sperrten sich erfolgreich – und hatten, so schien es, mitgeholfen, einen japanischen Premier aus dem Amt zu drängen.