Die Jahre gingen, das Bild ist unverblasst. Am 29. November 1991 sitzt, nein: thront Joachim Gauck auf einem Podium im rappelvollen Audimax der Berliner Humboldt-Universität. Das Studentenvolk buht und johlt. Gauck, erhaben blickend, schweigt. Gern würde er reden, über die Stasi-Affäre um den Rektor Heinrich Fink. Chöre, Transparente: UNSERN HEINER NIMMT UNS KEINER! GAUCK-LER IN DEN ZIRKUS! Endlich Ruhe. Gauck strafft sich und spricht sonor: Gelassen und voller Freude erwarte ich die Proteste einer PDS-gesteuerten Hochschulöffentlichkeit. Da platzt der Saal. Gauck reckt lutherisch die Faust. Venceremos, denkt der Reporter, na prost. Und wenn die Welt voll Teufel wär – so wirbt man nicht für die Wahrheit.

Selbst- und Fremdwahrnehmung differieren gern. Das Humboldt-Getümmel findet sich, ganz anders empfunden, auch in Joachim Gaucks spannendem Lebensbuch Winter im Sommer, Frühling im Herbst (erschienen 2009). Wortwörtlich entsinnt sich der Autor darin an seinen Satz, "mit dem ich das Publikum in aufklärerischer Verve begrüßte". Faktisch behielt Gauck recht; das Werben würde er noch lernen. Damals, 1991, balgten sich zwei Emanzipationsorgane: hier das Studenten-Konzil, dort der Trophäenverwalter der 89er-Revolution.

Hiermit sind wir bei der zentralen Frage zum Präsidentschaftsanwärter Gauck. Wer kandidiert da? Wer ist Joachim Gauck?

Viele reduzieren ihn auf seine Zeit als Gebieter der Stasiakten. Für sich selbst weiß Gauck viele Titel: Ein linker liberaler Konservativer sei er, ein reisender Demokratielehrer, ein Bürger (Citoyen, nicht Untertan) und Antikommunist. Letzteres versteht man nicht nur als Credo der universalen Freiheits- und Menschenrechte. Gaucks politisches Geburtsdatum ist der 27. Juni 1951; da war er elf. An diesem Tag wurde sein Vater, Kapitän zur See, unter Spionageverdacht verhaftet. Er verschwand spurlos, nach Sibirien. "Das Schicksal unseres Vaters wurde zur Erziehungskeule", schreibt Gauck. "Die Pflicht zur unbedingten Loyalität gegenüber der Familie schloss auch die kleinste Form der Fraternisierung mit dem System aus." Erst später habe er den kommunistischen Anti-Hitler-Widerstand zu würdigen gelernt. 1955, nach Adenauers Besuch in Moskau, kehrte der Vater zurück.

Gauck, nicht sonderlich religiös erzogen, wollte eigentlich Germanistik und Geschichte studieren. Das blieb ihm mangels FDJ-Mitgliedschaft verwehrt. "Als ich mit dem Theologiestudium begann, dachte ich nicht daran, Pfarrer zu werden. Dazu kam ich mir viel zu weltlich vor. Theologie betrachtete ich eher als Zweig der Philosophie." Zur DDR-Zeit war er Pastor in Lüssow (Kreis Güstrow) und im Neubaugebiet Rostock-Evershagen. Gaucks Erzählung zeichnet ein plastisches Bild der "Kirche im Sozialismus", in der sehr verschiedene Kräfte wirkten. Welten lagen zwischen dem staatsfrommen Greifswalder Bischof Horst Gienke (IM Orion) und den Schweriner Oberhirten Heinrich Rathke und Christoph Stier, die Systemferne praktizierten, ohne gesellschaftliche Abstinenz zu predigen. In ihrem Sinne praktizierte der mecklenburgische Pfarrer und Bürger Gauck als Opponent, nicht als Totalverweigerer des Staates DDR. Drei seiner vier Kinder reisten in den Westen aus.

Das SED-Regime faulte und stürzte. Die Mauer fiel. Die freien Wahlen vom 18. März 1990 beförderten Gauck in die Volkskammer, für das Bündnis 90. Nach der Vereinigung amtierte er zehn Jahre lang als "Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR". Volkes Stimme benannte den Laden nach dem Chef und erfand ein giftiges Verb: gaucken. Je nach Partei und Milieu galt die Gauck-Behörde als bürgerrechtliche Kläranlage, als Hygieneinstitut der Demokratie oder als westliches Siegerwerkzeug zur Demontage der DDR.

Gottlob zerstoben die Ängste, die Aktenöffnung würde zu Lynchjustiz führen.