Ein Café in knalligen Retrofarben, lässige Jungkünstler, Latte macchiato, vorbeiziehende Flaneure. Vor dem großen Museum schräg gegenüber schluchzt die Trompete eines Straßenmusikanten. Im Hintergrund eine imposante Skyline, Hochhausschluchten, Verkehrsgewühl. New York? Vancouver? Sydney? Weit gefehlt, wir sind in Johannesburg, und zwar mitten in der City.

Wie bitte? Johannesburg? Ganz normale Großstadtszenen? Kann nicht sein. Das ist doch die Mordkapitale der Welt, ein urbaner Albtraum, ein Moloch in Afrika! Fahren Sie nicht hin, wenn Ihnen das Leben lieb ist, rät man Touristen in Europa. Vom internationalen Oliver-Tambo-Flughafen reisen die meisten so schnell wie möglich weiter, zur Safari in den Kruger Park, in die Drakensberge oder an die Traumstrände am Indischen Ozean.

Aber jetzt ist Johannesburg die Fußballhauptstadt der Welt, und Spieler, Funktionäre und Fans haben keine Wahl: Sie müssen sich vier Wochen lang in der Risikozone aufhalten. Ronaldo, Messi und die anderen Stars werden in hermetisch abgeriegelte Quartiere gesteckt und rund um die Uhr bewacht. Die übrigen Besucher aber können die Weltmeisterschaft nutzen, um ein Johannesburg kennenzulernen, das nicht zu den Horrorklischees in ihren Köpfen passen will: die dynamische, vielfältige und kreative Metropole Afrikas.

Joburg oder Jozi nennen die Einheimischen ihre Stadt, das klingt fast zärtlich, aber sie fügen meistens gleich warnend hinzu, dass es kein Ort für sissies sei, für Weicheier. Ich kann das als Korrespondent, der sieben Jahre dort gelebt hat, nur bestätigen. Johannesburg ist das Wirtschafts- und Handelszentrum eines Schwellenlandes, hart, laut, schmutzig, rastlos und mitunter so brutal wie São Paulo, Manila oder Mexico City. Armut und Reichtum, Hunger und Völlerei, Hütten und Paläste – die Gegensätze sind geradezu obszön. Trotzdem kehre ich immer wieder gerne nach Joburg zurück. Denn dieser Stadtriese ist seit dem Ende der Apartheid vor 16 Jahren zu einem sozialen Labor geworden, in dem sich die Volksgruppen, Sprachen und Kulturen des Landes abstoßen und annähern, ausgrenzen und vermischen. In Johannesburg spürt man den Pulsschlag des neuen Südafrika – genau das vermisse ich im traumschönen, aber mitunter recht langweiligen Kapstadt, wo ich unterdessen wohne.

Der in Pretoria geborene Schriftsteller Ivan Vladislavić nennt seine Wahlheimat "Insel aus Zufall", ein zusammengewürfeltes Konglomerat, und rühmt ihre "unnatürliche Schönheit", die Betongebirge der City, die Abraumhalden und rostigen Fördertürme der Bergwerke, die Silhouetten der Wolkenkratzer. Wer zum ersten Mal nach Johannesburg kommt, wird zunächst eingeschüchtert durch die schiere Größe dieser Stadt.

Im Großraum Johannesburg sollen weit über zehn Millionen Menschen leben, ganz genau weiß das niemand. Allein die Schätzungen über die Einwohnerzahl in Soweto, der größten schwarzen Township des Landes, schwanken zwischen eineinhalb und vier Millionen. Die Apartheid hat die Wohngebiete, Lebensräume und Verkehrsnetze systematisch nach Hautfarben getrennt, diese Segregation prägt bis heute das Stadtbild. Johannesburg ist zerklüftet in Villenviertel, Townships und squatter camps, wilde Siedlungen am Stadtrand.

Alle paar Hundert Meter wechselt Johannesburg sein Gesicht und seinen Charakter. Am Bruma Lake haben sich die Chinesen angesiedelt. In Rosettenville bestimmen Kleinbürger das Bild, deren Vorfahren aus Portugal einwandert sind. Norwood ist jüdisch-italienisch. Und wenn man im wuseligen Einkaufszentrum Oriental Plaza in Fordsburg durch die kleinen bunten Stoff- und Gewürzläden schlendert, fühlt man sich nach Indien versetzt. Gleich nebenan liegen die verwahrlosten Häuser von Vrededorp, in den Vorgärten trinken arme Weiße sich um den Verstand. Die Wohlhabenden – schwarze wie weiße – haben sich in die Suburbs des Nordens zurückgezogen. Ihre durch hohe Mauern, Stacheldrahtverhaue und elektronische Alarmanlagen geschützten Wohnzitadellen sind der Inbegriff einer "Architektur der Angst". Vielerorts sind die Zufahrtsstraßen verbarrikadiert, nach Einbruch der Dunkelheit wirken diese Gegenden so menschenleer, als habe eine Neutronenbombe eingeschlagen.