Der Schwede Lukas Moodysson wurde bekannt mit Filmen, die im großen Regiment der Normen ihre eigene kleine Utopie suchten. In seinem Regiedebüt Raus aus Åmål erzählte er vom Coming-out zweier Schülerinnen, in seiner Komödie Zusammen von den Alltagsrevolutionen einer Siebziger-Jahre-Kommune. Aber dann wurde der Ton seines Films immer sozialdemokratischer. Lilja 4-ever war ein Betroffenheitsfilm über die Zwangsprostitution einer halbwüchsigen Ukrainerin in Schweden. Sein neuer Film Mammut ist eine Parabel über die banal-schreckliche Diskrepanz von Wohlstand und Armut, über den globalen Austausch von Abhängigkeiten und Arbeitskräften, Sex und Gefühlen. Kurz: Moodysson stellt zu Dingen, die jeder kennt, Fragen, die dennoch gestellt werden müssen. Und hätte er sich einfach auf seine wunderbaren Schauspieler verlassen, dann wäre sein Antwort vielleicht interessant geworden.

Mammut folgt einer Handvoll Figuren, deren Beziehungen zueinander mehr oder weniger offen durch die materiellen Verhältnisse deformiert sind, auch wenn sie zaghaft versuchen, diese Deformation zu durchbrechen. Gael García Bernal spielt Leo, einen jungen New Yorker, der mit der Erfindung einer Computerspiel-Website Millionen verdient hat. Auf einer Geschäftsreise nach Thailand bewegt er sich zunächst nur in klimatisierten Hotelwelten und wagt dann doch den Ausbruch zur Strandhütte, ins Vergnügungsviertel und in die Arme einer jungen Prostituierten. Zur gleichen Zeit kämpft seine Frau (Michelle Williams), eine Notfallchirurgin, in New York um das Leben eines schwer verletzten Jungen – und um die Zuneigung ihrer kleinen Tochter, die im philippinischen Kindermädchen Gloria (Marife Necesito) eine Ersatzmutter gefunden hat. Gloria wiederum vertröstet am Telefon immer wieder verzweifelt ihre Söhne auf den Philippinen, die sie vermissen.

Arme Menschen arbeiten fern ihrer Kinder für reiche Menschen, die keine Zeit für ihre eigenen Kinder haben. Die Schwäche von Mammut liegt in einer manchmal einfach zu plumpen Wohlstandskritik – etwa wenn Leo zu Beginn des Films einen dreitausend Dollar teuren Kugelschreiber aus echtem Mammut-Elfenbein geschenkt bekommt. Überzeugend sind eher die Momente, in denen das schlechte Gewissen, jenes amorphe Grundgefühl gegenüber einer Welt, in der fast jeder weniger hat, einen schauspielerisch präzisen Ausdruck findet. Etwa wenn Leo in der thailändischen Strandhütte, nach einem Abend im Go-go-Club, beim Ferngespräch mit der Ehefrau ein fast kindliches Weltverbesserungsgefühl erfasst: Spenden! Wohltätigkeitsprojekte! Alles anders machen! Oder wenn der Herzchirurgin in einer halb privaten Situation mit ihrer Haushälterin Gloria schlichtweg die Worte und Gesten fehlen.

Diese Momente verlieren sich zwischen rührseliger Musik, einem glossy look , der auch noch die philippinische Müllkippe veredelt, in einer dramaturgischen Gefühlsmaschine, die immer hochtouriger läuft. Am Ende wird ein Kind geopfert, um den Schicksalsrad nochmal ordentlich Schwung zu geben und eine Familienbotschaft raus zu hauen. Manchmal ist es dann doch mutiger, im Kino auf die selbst gestellten Fragen keine Antwort zu geben.