Das Geld fließt dahin. Dieser Spruch könnte schon bald eine neue Relevanz bekommen, wenn nämlich das Geld seinen Wert verliert, bevor man es ausgeben kann. Wenn plötzlich mehr Nullen auf die Banknoten gedruckt werden und aus Hundertern Hunderttausender werden. Falls also die große, gefährliche Superinflation kommen sollte. Nicht wenige Reiche im In- und Ausland fürchten sich derzeit so sehr vor einer solchen Inflation, dass sie unbedingt ihr flüssiges Geld loswerden wollen.

Doch wohin damit? Gold, der Antiinflationsklassiker, sei bereits zu teuer, sagen einige, die Anschaffung von Immobilien eine langwierige Angelegenheit. Viele entdecken jetzt die Kunst als perfekte Geldanlage, um ihr flüchtiges Geld kurzfristig an die Leine zu nehmen.

Anders ließe sich kaum erklären, wieso am vergangenen Freitagabend ein Sammler im Berliner Auktionshaus Villa Grisebach für ein mäßig aufregendes Blumenaquarell von Emil Nolde (Blaue Iris, Feuerlilien, Rudbekia) letztendlich 285.000 Euro geboten hat – den Aufschlag des Auktionshauses noch nicht eingerechnet, das "nur" mit 140.000 bis 180.000 Euro gerechnet hatte. Obwohl Grisebach diesmal kein Meisterwerk aus der Millionen-Euro-Liga anzubieten hatte, lief an diesem Abend und am kommenden Tag das Geschäft mit der Kunst – vor allem mit dem Arrivierten – weitaus besser als erhofft. Mehrere Lose erreichten das Doppelte ihres Schätzpreises, ein Mädchenbildnis en face von Karl Hofer etwa oder eine Dorfansicht von Lyonel Feininger. Ähnlich gut war es in den Tagen zuvor auch dem Kölner Auktionshaus Lempertz bei seinen Frühjahrsauktionen ergangen. Ausgerechnet die Angst vor der ganz großen Krise scheint den deutschen Kunsthändlern aus ihrer eigenen Kunstmarktkrise zu helfen.

Bemerkenswert bei den Auktionen war, dass sich auch wieder amerikanische Sammler einmischten. Deren Abwesenheit hatte in den vergangenen Jahren etwa auch das auf Design spezialisierte Münchner Auktionshaus Quittenbaum zu spüren bekommen. Jetzt, wo der Euro so schwach ist wie seit vier Jahren nicht mehr, lockt er die Sammler aus Übersee zurück. In der kommenden Design-Auktion am 15. Juni können sie sich bei Quittenbaum etwa einen wunderschönen Zeitungstisch von Ico Parisi von 1960 kaufen. Oder eines der frühesten Modelle des Aqua Scooters, jenes feuerwehrroten Gefährts, das in den siebziger Jahren nach den Entwürfen des Ex-DDR-Bürgers Bernd Böttger gebaut wurde. Der war mit so einem selbst gebastelten Wassermotorrad aus dem real existierenden Sozialismus geflohen.

Wer nach einer besonders sicheren Geldanlage sucht, der könnte sich auch für die Skulptur Give or Take II der kürzlich verstorbenen Louise Bourgeois interessieren, die am kommenden Samstag bei dem ebenfalls in München beheimateten Auktionshaus Ketterer versteigert wird. Oder für das Flügelwesen aus Bronze von Hans Arp, das man vom 15. Juni an am Stand der Galerie Thomas auf der Art Basel kaufen kann. 

Designgegenstände wie der Aquascooter sind hochgradig inflationsresistent – schließlich verlieren sie auch in schlechten Zeiten nicht ihren Gebrauchswert.

Ob sich während einer Superinflation noch irgendwer für Arp oder Bourgeois interessiert, kann hingegen niemand garantieren. Die Spekulanten könnten ihre Skulpturen im Falle des Falles aber einfach einschmelzen. Bronze geht immer, auf dem Markt für Metalle.