Am Anfang ist nicht das Wort, sondern der Stoff. "Bei den Gewändern fängt es an", heißt der erste Satz. Die polnische Autorin Magdalena Tulli lässt das Personal ihres Romans Dieses Mal in der Kleiderwerkstatt entstehen. Mit der Schere, die "knirschend durch den Stoff schneidet", mit Fäden und dem mühsamen Gestichel wird aus der Uniform der Polizist geschaffen, aus dem feinen, weit geschnittenen Anzug der Notar, aus dem billigen Kleid das Dienstmädchen, aus dem Frack der Kellner, und lauter gleichartige Mäntel bringen eine Menschengruppe hervor, in der es auf den Einzelnen nicht ankommt. Viele Kleider passen nicht, Unbehagen regiert von Anfang an. Das wird, man ahnt es, keine schöne runde Geschichte werden.

Zumal Magdalena Tulli noch nie runde Geschichten geschrieben hat: In keinem ihrer bislang vier Bücher gewährte sie ihren Lesern den schlichten Luxus erzählerischer Geschlossenheit, den Komfort ruhig dahinrollenden Lesens. Ihr bekanntester Roman In Rot (deutsch in der Deutschen Verlagsanstalt, 2000) erzählt seine Geschichte drei Mal – in variierenden Umgebungen, mit willkürlichen Eingriffen in Geografie, Klima und Handlungsablauf.

Magdalena Tulli, Jahrgang 1951, ist eine Ausnahmeschriftstellerin, nicht nur innerhalb der polnischen Literatur: Sie ist eine der wenigen Autoren der Gegenwart, die auf die Magie der Sprache setzen und nicht auf die Geschichten, die zu erzählen sind. Und sie beschreibt den Entstehungsprozess ihrer Geschichten gleich mit, so wie man im Theater die Künstlichkeit herausstellt, indem man die Kulissenschieber auf offener Bühne hantieren lässt.

© Schöffling Verlag

Die Kulisse dieses Romans nun wird im Auftrag der Icherzählerin von Handwerkern gezimmert, "arroganten Typen mit der nicht wegzudenkenden Zigarette im Mundwinkel, Meistern und Lehrlingen im verknitterten Overall, die den Lohn hoch und die Arbeit gering schätzen". Sie bauen einen großen, länglichen Platz, in der Mitte eine Grünanlage. Aus blauem Stoff ist der Himmel darüber aufgeschlagen, befestigt mit silbernen Nägeln, die von den schlecht bezahlten Handwerkern leider veruntreut werden.

Es gibt ein Café, ein Gymnasium, einen Fotografen, ein Bezirksamt und Wohnhäuser, in denen eine Wäscherin im Souterrain, der Notar mit seiner Familie und dem Dienstmädchen repräsentativ und der Student in einer Kammer wohnen. Sie alle interessieren sich nicht für die Beschaffenheit ihrer Welt, fügen sich in die schlecht sitzenden Kostüme und dazugehörigen Rollen und nehmen die bemalten Sperrholzplatten des Romans für die Wirklichkeit, die Stadt, die Welt.

Skaza, zu Deutsch: Makel oder Schandfleck, das ist der ziemlich geniale Originaltitel dieses Buches, der dessen zwei wesentliche Themen in sich vereinigt. Das erste Thema ist die mangelhafte Ausstattung des Ganzen: "Was für ein Schmerz, alle Makel dieser Welt, ihre Not und faktische Unfähigkeit zu existieren, so unverhüllt zu sehen." Daran ist die Autorin schuld, die Demiurgin, die Weltenschöpferin, die mit unzureichenden Mitteln arbeitet. Der Autor als Demiurg ist ein Topos, den schon die polnische Moderne in Gestalt des galizischen Magiers Bruno Schulz mit großem Interesse behandelt hat; er hat den Autor zur Romanfigur gemacht, wie auch Tulli das tut. Ihre Icherzählerin sagt: Wenn ich der Notar bin, tue ich dies, wenn ich das Dienstmädchen bin, jenes. Leicht macht sie es uns Lesern dabei nicht, wir sind so sehr daran gewöhnt, den Behauptungen von obskuren allwissenden Erzählern zu glauben.

Das zweite Thema ist das Fremde und der Umgang damit. Ein unvorhergesehenes Ereignis tritt ein, als man sich gerade an Tullis kleines Welttheater gewöhnt und es sich als Leser darin bequem gemacht hat mit dem ein wenig todessüchtigen und leidenden Notar, ausgeliehen bei Thomas Mann, und dem moralisch haltlosen und größenwahnsinnigen Studenten, ausgeliehen bei Dostojewskij. Der bürgerliche Roman könnte nun also endlich richtig losgehen, da gerät der Roman ins Rutschen: Die Fundamente sacken ab, Risse ziehen sich durch die Wände, Mauern stürzen ein.