Womöglich wird die Figur Marcel Reich-Ranickis den Literaturinteressierten schon bald in einem anderen Licht erscheinen. Bislang noch, wie jetzt auch wieder zu seinem 90. Geburtstag, schaut man zunächst auf MRR als den mächtigen Verreißer, den urteilsfreudigen Kritiker mit, je nach Sichtweise, verhängnisvollen wie segensreichen Wirkungen, einen Literaturkritiker jedenfalls, den es in seiner populären Art und mit seinem enormen Einfluss künftig so nicht mehr geben wird. Das stimmt zwar alles, doch die Gründe für MRRs Besonderheit liegen anderswo. Denn seine oft arg vereinfachende Urteilsfreude beruht auf seiner Sicherheit: Es ist ein Bewusstsein von der Einheit der deutschen Literatur zwischen 1750 und 2000, die bei ihm in größter Selbstverständlichkeit vorhanden ist und auf deren umfassender Kenntnis – als durchaus unwissenschaftlicher Liebhaber – seine Arbeit beruht. Wahrscheinlich formte er daher das Publikum doch stärker als Vermittler dieser Literatur denn als Beurteiler. Sein mahnender Rat an heutige junge Kritiker ("Sie müssen die Klassiker kennen, Goethe, Schiller, Kleist, sonst hat es keinen Zweck") klingt bereits exotisch; denn zum Formwandel der Kritik in den letzten Jahren gehört auch die Auflösung solcher Sicherheiten und Verbindlichkeiten. Andere ästhetische Erfahrungen – Comics, Popmusik, Computerspiele, Internet – prägen heute die Vorstellungen von dem, was Kunst ist, nicht zuletzt bei deren Deutern.

Insofern kann man auch ein bisschen wehmütig werden, wenn man das jüngste Werk des Literaturvermittlers MRR erlebt, diesmal hörend, nicht lesend oder fernsehend. Auf sage und schreibe 40 CDs präsentiert er uns, pünktlich zu seinem Geburtstag, seine Auswahl von 70 bedeutenden deutschen Erzählungen, von Goethe, Schiller und Brentano bis Peter Handke, Martin Walser und Christoph Hein. Es ist ein beeindruckendes Großprojekt, basierend auf seinem 2003 heftig diskutierten "Kanon", gelesen diesmal von prominenten, vielfach als Vorleser bewährten Schauspielern – eine Fülle, die noch einmal den Glanz der deutschen Literatur beschwört: Juliane Köhler, Gert Voss, Iris Berben, Leslie Malton, Samuel Finzi und viele andere sind dabei. Mit seiner vom Alter gezeichneten Stimme verkündet MRR in der Einführung sein Angebot: Jeder könne sich hier etwas aussuchen und dann "selbst entscheiden, wer die Erzähler einer Epoche waren".

Neben bekannten Texten – Kleists " Marquise von O…", gelesen von Ulrich Matthes, Thomas Manns Wälsungenblut (Ulrich Noethen) oder dem kleinen Herrn Friedemann (Dieter Mann) – gibt es reichlich viel wiederzuentdecken: Arthur Schnitzlers geheimnisvoll-komischen Tod eines Junggesellen etwa, spannungsvoll gelesen von Felix von Manteuffel, oder fremdartige Geschichten wie die Soldaten-Kersta, Eduard von Keyserlings baltische Dorfunterschichten-Tragikomödie von 1901, die man nicht mehr zur Hand nehmen würde, aber der man, vorgelesen durch Nina Petri, doch gebannt zuhört. Und wann las man zuletzt Annette von Droste-Hülshoffs Judenbuche? Jedenfalls haben wir sie noch nie so erlebt wie durch Martina Gedecks zart zitternde, ahnungsvoll doppelbödige Stimme. Das ist sie wohl, die längst vergangene bürgerliche Vorlesekultur, die der Vermittler Marcel Reich-Ranicki wiederauferstehen lässt und die hier noch einmal einen herrlichen Sog entfaltet.