Emil Cioran, um den es merklich still geworden ist, passte womöglich zu sehr in seine Zeit, um diese zu überleben. Noch vor zwei, drei Jahrzehnten wäre es unnötig gewesen, erklären zu müssen, wer er eigentlich ist. Man sprach über den Rumänen französischer Sprache, wie man heute über Philip Roth oder Günter Grass spricht: Noch die glühendste Ablehnung zeitgenössischer Klassiker ist ohnmächtiges Eingeständnis und Zementierung ihres Nimbus, ihres Einflusses, ihrer Bekanntheit. Die achtziger Jahre, während deren Cioran weltweites Renommee erlangt hat, schmiegten sich passgenau an sein Werk. Der atomare Vernichtungsschlag schien ungemein plausibel, und er schrieb, als gelte es das Weltende qua Literatur vorwegzunehmen.

Der 1995 mit 84 Jahren Verstorbene verfasste neben Essays Aphorismen, Gedankensplitter, kleine Sprengsätze, die gut zu seinem ungebärdigen Auftreten passten: ein kleinwüchsiger Rumäne inmitten von Paris, wohnhaft in der Rue de L’Odéon in einer engen, studentisch eingerichteten Mansarde, in Interviews räsonierend über die Schlaflosigkeit, die ihn plagte. Fotografien zeigten ihn stets mit tief zerfurchter Stirn und allerdüsterstem Gesichtsausdruck. Wer ihn besser kannte, berichtete allerdings von ausgesprochen guter Laune, Humor und sanfter Heiterkeit, die ihn ausmachten.

Die Welt, das war jedenfalls seinerzeit gewiss, steuerte einem Abgrund entgegen, und man musste nur in diese kleinen leeren Augen blicken und diese eigentümlich zusammenhanglosen Sätze lesen, die Cioran selbst in nicht uneitler Manier als Abfall begriff, um sich als Leser bestätigt zu fühlen. Sein negatives Menschenbild hatte zweifellos Ansteckungskraft: "Mit Ausnahme einiger Sonderfälle neigt der Mensch nicht zum Guten: Welcher Gott drängte ihn dazu? Um die geringste nicht vom Bösen befleckte Tat zu begehen, muss er sich überwinden, sich Gewalt antun." Man könne sich gewiss sein, "daß das 21. Jahrhundert, das weit fortgeschrittener sein wird als das unsere, in Hitler und Stalin harmlose Sängerknaben sehen wird". – "Der Mensch, dieser Ausrotter, hat etwas gegen alles, was lebt, gegen alles, was sich bewegt: Bald wird man von der letzten Laus reden." – "Wir rennen nicht dem Tod entgegen, wir fliehen vor der Katastrophe der Geburt, wir zappeln uns ab; Gerettete, die vergessen möchten" – "Wir sind am Grund einer Hölle, von der jeder Augenblick ein Wunder ist" – "Ich möchte frei sein, aufs äußerste frei. Frei wie ein Totgeborener" und so weiter. Ohnehin zur Schwermut Neigende finden in diesem Werk also allerlei Unterstreichenswürdiges. Die Buchtitel sprechen für sich: Verfehlte Schöpfung, Auf dem Gipfel der Verzweiflung, Vom Nachteil, geboren zu sein.

Und womöglich findet sich tatsächlich kein zweiter Autor des 20. Jahrhunderts, der noch einmal mit furioser Vehemenz alle Glaubensgewissheiten, Ideologien, Fortschrittsgläubigkeiten beiseite zu räumen sich vorgenommen hatte – gerade so, als hätte es keine Vorläufer und Zeitgenossen einer derartigen Anti-Philosophie gegeben, die, wie Cioran, den Selbstmord als letztmöglichen Akt der Freiheit ansahen, die der Mystik gegenüber einer vermeintlich trockenen Schulphilosophie den Vorzug gaben, mit Lust den Ekel am Menschsein prachtvoll feierten ("Das Verschwinden der Tiere ist ein unvergleichlicher, schwerwiegender Tatbestand. Ihr Henker hat die Landschaften besetzt. Es gibt nur noch Raum für ihn. Das Entsetzen, dort einen Menschen wahrzunehmen, wo man zuvor ein Pferd betrachten konnte!"). Es ist womöglich das Ausmaß an ketzerischer Eindringlichkeit, die doppelt- und dreifach untermauerte Lebensverneinung, die ihn von seinen Vorgängern unterschied und mitunter beim Leser ein befreites Lachen provoziert angesichts der allerentsetzlichsten Finsternis, die so hemmungslos walte. Er habe, schrieb Cioran, alle Verbrechen begangen, bis auf eines: "Vater zu sein".

Dem Vorbild der Moralisten vergangener Jahrhunderte folgend, etwa Baltasar Gracián oder Montaigne, suchte Cioran den Menschen zu beschreiben, wie er ist, und nicht, wie er sein soll. Cioran wirkte in seiner Zeit auch deshalb radikal modern, da er sich betont voraufklärerisch, geschichtsrelativistisch, zeitenthoben gab. Wo jede Zukunftsperspektive weggeräumt ist, bleibt das nervöse Kreisen um die nackte Existenz, das sich im Falle Ciorans nach seinem eigenen Bekunden vorzugsweise in schlaflosen Nächten ereignete. Der Skeptizist gleicht, wie er 1969 schreibt, in seiner heroischen Einsamkeit dem Diktator: "Die Rolle der Schlaflosigkeit von Caligula bis Hitler. Ist die Unfähigkeit zu schlafen Ursache oder Folge der Grausamkeit? Der Tyrann wacht – und das ist es, was ihn eigentlich definiert."

Da flackerte kurz, wenn auch ironisch gebrochen, Ciorans frühe Faszination für den Faschismus auf. In Rumänien war der Sohn eines orthodoxen Priesters Mitglied der Eisernen Garde gewesen, einer paramilitärischen, antisemitischen Organisation. Im Herbst 1933 gelangte er dank eines Stipendiums nach Berlin und war hingerissen von der "Formlosigkeit" Deutschlands, vom großen Exzess, von der "fruchtbaren" Barbarei: "Kein zeitgenössischer Politiker ist so sympathisch und bewunderungswürdig wie Hitler." Sätze, an die Cioran später ungern erinnert wurde, zog er doch 1937 nach Paris, erfand sich das Initial M., um sich fortan E. M. Cioran zu nennen, schrieb bald darauf nur noch in französischer Sprache und wandelte sich mit Verve zum Exorzisten seiner eigenen, früheren Weltanschauung: "Mein Werk ist ein Werk der Verneinung."

Nun ist jüngst im Suhrkamp-Verlag ein kleines Buch namens Über Frankreich von 1941 aus dem Nachlass Ciorans erschienen, ursprünglich abgefasst noch auf Rumänisch, das vor einem Jahr in Frankreich für ziemliche Aufmerksamkeit sorgte. Auch deshalb, da es pointiert Ciorans Kehre markiert. Völkerpsychologisch und vitalistischen Grundannahmen folgend, konstatiert Cioran zunächst, dass die Franzosen allesamt unter Trübsinn litten. Das Land habe sich zur Vollkommenheit entwickelt, jetzt sei es an sein Ende gelangt. Es habe ja alles gehabt: Mittelalter, Renaissance, Revolution und Imperialismus. Nun bleibe, nachdem sich alle verausgabt haben, neben dem allgemeinen Katzenjammer noch die zivilisatorische Verfeinerung übrig, ein Abglanz des 18. Jahrhunderts, als das Land den "zum Weltall gewordenen Salon" erfunden hatte, eine "spitzenbesetzte Intelligenz" waltete, kurzum: die schönste Künstlichkeit.