Den Führerschein habe ich nun schon recht lange. In dieser langen Zeit bin ich drei Mal von der Polizei angehalten und einer Alkoholkontrolle unterzogen worden, immer mit negativem Ergebnis. Eigentlich erstaunlich. Ich gebe zu: Ich bin auch schon unter Alkoholeinfluss gefahren. Ich weiß, dass es falsch ist, ich bin nicht stolz darauf, aber ich gebe zu, dass ich es getan habe.

So. Und was jetzt? Ladet ihr mich jetzt zum Kirchentag ein?

Die Menschen sind schon ein seltsames Völkchen. Sobald man zugibt, und zwar freiwillig, ohne jeden Druck, dass man kein Heiliger ist, Fehler macht, Mist baut, wie etwa 99 Prozent der Mitmenschen auch, fällt ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung über einen her, als ob man ganz persönlich soeben die Sünde erfunden hätte und als ob sie selber ohne Fehl und Tadel wären. Ich behaupte doch nicht, dass ich ein Vorbild bin. Dafür, dass die Polizei mich nicht erwischt hat, kann ich doch nichts, das könnt ihr mir unmöglich zum Vorwurf machen.

In zwei der drei Fälle bin ich der Polizei aufgefallen, weil ich zu langsam gefahren bin. Es war auf der Autobahn. Sie haben oben auf ihren Polizeiautos so eine Leuchtschrift – "Bitte anhalten!", oder so ähnlich –, diese Leuchtschrift haben sie angeknipst, ich bin auf den nächsten Parkplatz gefahren, die Polizisten stiegen aus. Ich habe gefragt, was ich falsch gemacht habe. Der Polizist sagte: "Sie fahren langsam, höchstens 90 Kilometer." Ich habe gesagt: "Das ist nicht verboten, oder?" Der Polizist sagte Nein, verboten sei dieses Verhalten nicht. Aber verdächtig. Sie hätten in ihrem Polizistenleben die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich auffällig unauffällig aufführen, oft etwas zu verbergen haben. Wer zum Beispiel gerade eben ein Auto gestohlen hat oder wer sternhagelvoll ist, der würde doch niemals mit 140 Sachen ganz locker ein Polizeifahrzeug überholen. So jemand macht sich klein, wie ein Mäuschen. Und genau deswegen würde er jetzt gerne meine Papiere sehen, und in das Röhrchen dürfe ich auch pusten, freiwillig, andernfalls lade er mich zu einer unfreiwilligen Blutprobe ins Revier ein.

Wie gesagt, ich war so clean wie ein neugeborenes Baby. Die Argumentationskette des Polizisten hat mir aber eingeleuchtet. Mein Problem ist, dass ich, wenn ich Polizeiautos sehe, immer ein schlechtes Gewissen bekomme. Ich denke dann sofort: "Mache ich alles richtig? Falle ich denen auf? Die merken doch garantiert, was ich für einer bin." Mir schießen blitzartig all die Dinge in den Kopf, die ich im Straßenverkehr jemals falsch gemacht habe, ich will es in diesem Augenblick garantiert richtig machen – und genau deswegen falle ich auf. Ich habe zu viel Respekt vor denen, zu viele Skrupel. Die richtig üblen Typen kriegen sie nie, sage ich mir, obwohl ich in Wirklichkeit vielleicht einer von den richtig üblen Typen bin. Man selber ist ja oft der Letzte, der es mitbekommt.

Wenn ich getrunken habe, fahre ich offenbar so, wie es sich gehört. Immer, wenn mal wieder ein prominenter Übeltäter bei irgendwas erwischt wird, muss ich daran denken, bei wie vielen Dingen ich nicht erwischt worden bin und bei wie vielen Dingen all die anderen nicht erwischt worden sind, denn es kann einfach nicht sein, dass all die anderen, von denen man nichts weiß, sich immer bei allem okay verhalten. Vielleicht hat die erwischte Person es nur ein einziges Mal getan? Oder hundert Mal? Und ein anderer Prominenter hat es tausend Mal getan, nur, er wird nie erwischt?

Erwischt zu werden hat, so gesehen, nicht viel zu bedeuten.

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