Zum Weltentrückten und Fantastischen neigt man hier eigentlich nicht. Hier, wo der Niederrhein so recht beginnt, wo die Landschaft allmählich flacher und die Leute allmählich spröder werden, ist das Schillernde nicht unbedingt zu Hause. Gespenster sieht man hier, wenn überhaupt, nur auf der Geisterbahn, während der jährlichen Kirmes.

Und doch scheint man einmal diese seltsame Sehnsucht gespürt zu haben, dieses Verlangen "nach einer subtilen, erlesenen Malerei, die, unseren Sitten und Tagen entrückt, hinabgetaucht war in einen alten Traum, in antike Verderbtheit". Denn wie im abgelegenen Domizil des Herzogs Des Esseintes, jenes berühmten décadent, den Joris-Karl Huysmans in seinem Roman Gegen den Strich eine epochale Weltflucht inszenieren lässt, sind auch, ausgerechnet hier, die Werke der schillerndsten, fantastischsten Maler des Symbolismus zusammengetragen worden.

Im Clemens-Sels-Museum von Neuss, wer würde das vermuten, begegnet man den Werken Odilon Redons mit ihrer, so Huysmans, "Phantastik des Kranken und Rauschhaften" oder den wie im Treibhaus gezüchteten mythologischen Szenen von Ker-Xavier Roussel. Man kann schicksalsergeben vor einen jener androgynen Racheengel des belgischen Symbolisten Fernand Khnopff treten oder sich in dem von Fabelwesen bevölkerten Heiligen Hain Puvis de Chavannes’ verlieren. Vor allem aber trifft man auf die Gemälde Gustave Moreaus. Dieser "mystische Heide und Erleuchtete", dessen Fiebervisionen die Fluchtwelt des dekadenten Herzogs kongenial dekorieren, ist auch in Neuss gleich mit mehreren wie Irrlichter funkelnden Werken vertreten.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Man kann so eindringlich wie in keinem anderen deutschen Museum jenen Gemälden begegnen, die "das Nervensystem durch gelehrte Hysterien, verwickelte Alpträume, laszive und grauenhafte Visionen in Aufruhr versetzen" (Huysmans).

Wie aber kommt es dazu, dass sich ausgerechnet im städtischen Museum von Neuss die Bildwelten des Fin de Siècle so prächtig entfalten? Dass die symbolistische Malerei mit ihrem Hang zum Perversen und Preziösen, zum Erratischen und Esoterischen im niederrheinischen Städtchen vis-à-vis Düsseldorf ein Heimspiel hat?

Man kann hier zwar gleichsam mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit fahren – die Geschichte der Stadt beginnt mit einem römischen Heerlager namens Novesia –, aber Verbindungskanäle zum europäischen Symbolismus würde man auf dem Weg dorthin nur schwerlich finden. Im 19. Jahrhundert vor allem für ausgegrabene Altertümer gegründet, mehr oder minder Bedeutendes aus der Kunst des Mittelalters und der alten Niederländer war dazugesellt, schickte sich das städtische Museum erst seit seiner Wiedereröffnung nach dem Zweiten Weltkrieg an, so unerwartet weit über sich hinauszuwachsen. Und dabei ein solch – von hier aus gesehen – exotisches Terrain zu erschließen.

Die aus einer Dynastie von ansässigen Schokoladenfabrikanten stammende Irmgard Feldhaus übernahm damals die Kolonistenrolle. Sie leitete von 1950 bis weit in die 1980er Jahre hinein das Museum. Und sie entschied sich kühn dafür, dem Haus ein eigenes Profil zu verleihen, trotz beschränkter Mittel, indem sie die Sammlung gleichsam gegen den Strich ausbaute. Indem sie eben, in jenen Jahren, als diese Kunstform ziemlich verpönt und also ziemlich günstig zu erwerben war, gezielt die Maler des europäischen Symbolismus zu sammeln begann: Abseitiges damals, Kurioses, Bizarres.