Gaza, keine zehn Kilometer tief, vierzig Kilometer breit. Von Islamisten regiert, von Israel blockiert. Viele Regierungen haben den lästigen Landstreifen aus dem Blick verdrängt. Doch Gaza ist immer noch da. Die Hilfsschiffe internationaler Aktivisten haben das Palästinensergebiet zurück auf die Weltbühne gerückt. Plötzlich hört man große Worte. Als "unhaltbar und inakzeptabel" bezeichnete US-Außenministerin Hillary Clinton die Situation in Gaza. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon fordert, dass Israel die Blockade sofort aufheben müsse. Verhängt wurde sie vor knapp drei Jahren nach dem Putsch von Hamas gegen die bis dahin mitregierende Fatah. Jetzt steht die Blockade zur Diskussion. Die Welt, auch Israel fragt sich, was sie gebracht hat, ob sie nicht schnellstens beendet werden muss.

Welche Folgen hat die Blockade für die Bevölkerung von Gaza?

Man lebt nach der Liste, welche das israelische Verteidigungsministerium den Menschen in Gaza verordnet hat. Die Einfuhr von Zimt ist erlaubt, aber nicht von Koriander. Plastikkanister – bitte schön, aber auf keinen Fall Topfpflanzen. Angeln und Kinderbücher gehen gar nicht. Warum, hat niemand je nachvollziehbar begründet. So ist das eben. Es sei höchste Zeit, sagt Aluf Benn, renommierter Kommentator von Ha’aretz, "wichtigere Tätigkeiten für unsere Offiziere zu finden, als solche Listen zu aktualisieren".

Wer in Gaza lebt, muss mehrere Stunden am Tag ohne Strom auskommen, erzählt Bassam Nasser, der in dem Landstreifen für die Catholic Relief Services arbeitet. "Israel kontrolliert die für die Stromerzeugung nötige Treibstoffzufuhr." Streit zwischen Palästinensern erschwert die Lieferungen noch. Außerdem lasse Israel keine zusätzlichen Turbinen herein, mit denen das einzige Elektrizitätswerk hochgefahren werden könnte. "Israel bestimmt alles in unserem Leben: was wir essen, wann wir Licht haben, wann es Wasser gibt." Eine "Kollektivstrafe" nennt das Amnesty International. Das Regime von Hamas sollte unter Druck gesetzt werden. Doch unter den Maßnahmen leidet vor allem die Zivilbevölkerung.

Die israelische Regierung – konfrontiert mit Vorwürfen – behauptet, dass sie täglich genug Waren und Medikamente durchlasse, um größere Krisen abzuwenden. So viel ist richtig: Es gibt keine Hungersnot unter den 1,5 Millionen Menschen im Gaza-Streifen. Aber es herrscht Mangel an vielen Lebensmitteln. Internationale Hilfsorganisationen schätzen, dass bereits zehn Prozent der Bevölkerung unterernährt sind. Mehr noch seien schlecht untergebracht. Nach dem Bombardement vom Januar 2009 blieben 600.000 Tonnen Schutt zurück, Häuser, Fabriken, Schulen lagen in Trümmern. Baumaterialien wie Zement und Stahl, die dringend für den Wiederaufbau nach dem Gaza-Krieg vonnöten wären, werden nur in sehr begrenzten Mengen hereingelassen. So will Israel verhindern, dass Waffen gebaut werden. Die Folge: In Gaza mussten neunzig Prozent der Fabriken schließen, oder sie können nur zehn Prozent ihrer Kapazität ausschöpfen. Die Arbeitslosigkeit wuchert, mit ihr nimmt die Radikalisierung zu.

Hat die Blockade Hamas geschwächt?

Anfang Juni war Zahltag. In diesem Monat haben die Beamten in Gaza zum ersten Mal seit längerer Zeit ihre Gehälter pünktlich und in voller Höhe ausgezahlt bekommen. Die Ironie an der Blockade: Während es der Bevölkerung schlecht geht, läuft es für Hamas ziemlich gut – und entsprechend für alle, die auf ihrer Gehaltsliste stehen. Weil es sonst im isolierten Gaza nicht viele Arbeitsplätze gibt, macht Hamas den Staat zur Jobmaschine und erkauft sich Solidarität.

Das Geld dafür verdient Hamas indirekt mit der Blockade. Die nämlich hat den Schmuggel durch die Tunnel in Richtung Ägypten aufblühen lassen. Hamas hält die Hand auf. Zahlen müssen Tunnelbetreiber, Benzinhändler, Zigarettenverkäufer. Auf den Packungen klebt neuerdings eine Hamas-Steuermarke. Fast wie in einem "ordentlichen" Staat. Zusätzlich lebt die Hamas-Regierung von Finanzhilfen aus arabischen Golfstaaten und Iran. Vor allem seit dem Gaza-Krieg Anfang 2009 spenden Araber und Iraner um die Wette, jeder will die Herzen der Palästinenser erobern. Über sechzig Prozent der Bevölkerung hängen von ausländischer Hilfe ab. Hamas darf verteilen.