So mancher Kritiker der Israelkritiker ist schnell mit dem Antisemitismus-Vorwurf bei der Hand. Natürlich ist "Kritik" nicht gleich "Anti" – auch israelische Zeitungen geißeln das Desaster auf der Mavi Marmara , aus taktischen wie moralischen Gründen. Auch die Gaza-Blockade insgesamt gerät unter Feuer, und die Begeisterung für die Siedlungspolitik hält sich seit Jahren in Grenzen. Aber ganz so eindeutig ist die Sache nicht. 

Destilliert man aus ganzen Bibliotheken über den Antisemitismus die Essenz heraus, bleiben die drei D: Doppelmoral, Dämonisierung, Delegitimierung, was übrigens für jeden "Anti-Ismus" gilt. Daraus könnte die Verteidigung ein hübsches Plädoyer stricken. Zum Beispiel mit Blick auf die Blockade: Dass Ägypten vor drei Jahren den Riegel zu Lande vorschob, ist genauso vergessen wie der Segen der EU und der USA. Schuldig sei allein Israel. Gaza ist gleich Warschauer Ghetto, und die Juden sind die neuen Nazis – das ist Dämonisierung, nicht Kritik. Delegitimierung: Israel ist der einzige Staat auf Erden, dem außer in Kairo und Amman das Lebensrecht verweigert wird – inzwischen auch reichlich im Westen.

Interessanter aber ist etwas Neues: Wo auf dieser breiten Bühne zwischen Ankara und Teheran sind die Palästinenser, die arabischen Staaten? Sie sind weg; sie stehen außerhalb der Geschichte, wie Hegel sagen würde. In der kritischen Berichterstattung tauchen sie allenfalls als Statisten oder "Opfer der Opfer" auf, aber sie agieren nicht und tragen deshalb auch keine Verantwortung. Sie sind, um wieder von Hegel zu borgen, nicht Subjekte, sondern Objekte der Geschichte, was der Philosoph des Idealismus, der eine ganze Reihe von Völkern herablassend aus der Geschichtlichkeit verbannte, keinesfalls als Respektbezeugung verstand.

"It takes two to tango" lautet ein englischer Klassiker; zum Konflikt gehören mindestens zwei. Das ist nicht nur eine moralische Einsicht, die von den Entrüsteten verweigert wird, sondern auch eine ganz praktische. Mit wem sollen die Israelis Frieden schließen – mit sich selber? In diesem blutigen Drama sind die Täter Opfer und die Opfer Täter – auf jeden Fall aber Verantwortungsträger. Hamas und Hisbollah, Iran und Syrien aus dem Film zu schneiden ist deshalb nicht "zielführend", wie es auf Neudeutsch heißt. Denn alle vier sprechen Israel das Existenzrecht ab, und wer, wie Israel, nicht sein darf, ist logischerweise auch kein Verhandlungspartner.

Das macht das törichte, gar autistische Verhalten der Regierung Netanjahu nicht besser, aber wenn Israels Feinde historisch wie heute von der Verantwortung für ihr Tun befreit bleiben, können sie logischerweise genauso wenig Verhandlungspartner sein. Wer nichts dafür kann, kann nur nehmen, muss aber nicht geben. Und hier tut sich das hässlichste aller Dilemmas auf: Was ist, wenn der Alleinschuldige den vollen Preis für den Frieden zahlt – Totalrückzug, Rückkehrrecht für die Palästinenser, das halbe Jerusalem – und dann doch keinen Frieden bekommt? Trotzdem wäre es das Experiment wert, für beide Seiten. Dazu müssten beide die Verantwortung übernehmen. Hegel und die Humanitären tun den Palästinensern einen Tort an.