Draußen, in der Wüste in Abusir, hat an diesem Tag sogar der Himmel die Farbe des Sandes. Die Sonne dringt kaum durch den Dunst. Dennoch ist es bereits in den frühen Morgenstunden heiß, die Luft ist trocken und staubig. Vereinzelt erkennt man Palmen – und Überreste eines Tempels. "Hier legten vor 4500 Jahren Ägypter mit ihren Booten an, um zu der Pyramide des Pharaos Sahure zu gelangen", sagt Vinzenz Brinkmann, Archäologe und Kurator am Liebieghaus in Frankfurt .

Vom Fluss ist heute nichts mehr zu sehen. Allein ein Kanal mit seichtem Wasser und Müllresten präsentiert sich unweit davon in grünster Algenblüte. Und dahinter die Pyramide, flirrend am Horizont, unspektakulär auf den ersten Blick. Während die Bauten von Cheops und Chephren mit ihrer schieren Größe imponieren und Tutanchamun mit sagenhaften Reichtümern begraben wurde, wirkt das Grab Sahures klein und unscheinbar: Die Verkleidung ist entfernt, die Pyramidenkerne bröckeln vor sich hin, und seit Jahrhunderten versorgen sich Steinräuber hier bequem mit Baumaterial.

Archäologie - Spektakuläre Ausgrabungen in Ägypten Zahi Hawass, der Generalsekretär der Antikenverwaltung in Ägypten, spricht über den Archäologen Ludwig Borchardt, die Entdeckung des Grabes von Pharao Sahure und den Streit über die Büste der Nofretete.

Doch der erste Eindruck täuscht. Sahure – betont wird der Name auf der letzten Silbe – ist ein Monumentalbauwerk gelungen. Anders als an bekannteren Totenstätten graben hier die Archäologen Jahr für Jahr neue Reliefs aus dem Wüstensand. Der beispiellose Fundus erzählt von Eroberungen, genussvollem Priesterleben und von den Freizeitvergnügen der königlichen Sippe. "Gold ist natürlich immer sehr reizvoll, aber diese Anlage ist ein Meisterwerk der Perfektion in Architektur und Reliefkunst", schwärmt Brinkmann. Sie ist ein wahrer Hort der Erkenntnis – und in ungewöhnlich vollständiger Form erhalten.

Anders als bei Cheops war das Grab mit filigraner Reliefkunst verziert

Erstmals vermerkte der Engländer John Shae Perring die Grabmäler in Abusir in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wenig später fertigte Karl Richard Lepsius im Rahmen einer preußischen Expedition eine Karte mit den Grundrissen der Stätte an. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte der berühmte deutsche Ägyptologe und Bauforscher Ludwig Borchardt im Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft die erste grundlegende Grabung durch.

"Borchardt war bekannt für seine Schnelligkeit, aber auch für die Präzision, mit der er gearbeitet hat", sagt Cornelius von Pilgrim, Leiter des Schweizerischen Instituts für Ägyptische Bauforschung und Altertumskunde in Kairo. Der Ägyptologe hatte sich in Abusir maßgeblich mit den drei dominanten Pyramiden dieser Stätte befasst: den Grabmälern der Könige Sahure, Neferirkare und Nuiserre. Dabei war er äußerst erfolgreich; seine Relieffunde zählen zu den schönsten, die jemals dort geborgen wurden – viele gehören heute Museen in Kairo, Berlin oder New York.

Die Wände, so vermutete damals Borchardt, mussten einst mit sagenhaften 10.000 Quadratmetern königlicher Reliefkunst verziert worden sein. 150 Quadratmeter davon grub er aus – wenn auch überwiegend als Bruchstücke. "Das scheint wenig zu sein, doch in Wirklichkeit ist es ein großes Finderglück", sagt Brinkmann und lässt seinen Blick über eine mit filigranem Muster verzierte, mannshohe Platte aus weißem Kalkstein schweifen. Denn in den großen Pyramiden kenne man nicht "ein Fitzelchen an Verzierung". Über die herausragende Qualität der Kunstwerke ist sich die Archäologenwelt einig. "Die Beherrschung des Kalksteins ist unglaublich", sagt Friederike Seyfried, Direktorin des Ägyptischen Museums in Berlin. Die Reliefs der 5. Dynastie zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr zarte Einkerbungen haben. Die Höhenunterschiede im bearbeiteten Stein betragen nur ein bis zwei Millimeter. "Das ist etwas Besonderes", sagt Seyfried. Zumal es sich nicht um versenkte, sondern "erhabene" Reliefs handelt: Der Hintergrund ist ausgekratzt, das Dargestellte ausgespart.

Mit weiten Schritten geht Brinkmann den staubigen, 200 Meter langen Aufweg zum Ort des Totentempels hinauf. Der Boden dort besteht aus schwarzem Basalt – ein Zeichen für Fruchtbarkeit und den Totengott Osiris. Zwei vollständig erhaltene Säulen aus Rosengranit markieren die Stelle, wo der Tempel einst gestanden hat. Dahinter erhebt sich eine fast 50 Meter hohe Pyramide. Der Komplex gehört nicht zu den größten: Auf der Anlage von Mykerinos, dem sechsten König der altägyptischen 4. Dynastie, ist allein der Aufweg 700 Meter lang – die Grabstätte von Sahure dagegen misst, inklusive Umgebungsmauer, gerade mal 500 Meter in der Länge.