Nur einmal angenommen, reine Hypothese: Könnte ein Sänger sich auf der Opernbühne eine Pistole in den Mund stecken und dabei noch halbwegs textverständlich und klangschön "O du mein holder Abendstern" singen, "wohl grüßt’ ich immer dich so gern"? Schwierig. Unmöglich. Wolframs Lied an den Abendstern ist der Hit in Richard Wagners Tannhäuser, und das soll gemeinhin auch so bleiben, erst recht in Wien , wo Christian Gerhaher gerade den Wolfram in einer Inszenierung von Claus Guth probt. Noch zwei Wochen bis zur Premiere, wir laufen im Schnürlregen die Kärntnerstraße hinunter. "Ich kann Ihnen über die Inszenierung nichts verraten", murmelt Christian Gerhaher und legt die Hände auf den Rücken. Hätte er noch seine runde Brille auf und einen Gehrock an und nicht gar so turbulente Locken in der Stirn, die Ähnlichkeit wäre wirklich frappierend: Franz Peter Seraph Schubert, der Liederfürst persönlich, auf einem seiner raren Ausflüge ins 21. Jahrhundert.

Schade. Alle Versuche, offizielle wie mehr inoffizielle, sich zu einer Tannhäuser- Probe Zutritt zu verschaffen, scheitern. Staatsoperdirektor Ioan Holender bewacht sein Haus wie ein Habicht seinen Horst, nach wie vor. Aber wir sind in Wien, und so wird wenigstens kräftig getratscht. Ist die Sache mit der Pistole vielleicht nur ein Gerücht? Was Regie betrifft, antwortet Gerhaher sibyllinisch, habe er mit Repertoire-Ladenhütern à la Franco Zeffirelli entschieden mehr Probleme. Der gebürtige Niederbayer ist nicht wegen der Oper Sänger geworden, Schminke und Kostüm, das ganze Trara behagt ihm wenig: "Ich geh ja auch nicht zum Fasching." Ganz ohne Oper aber macht man als lyrischer Bariton keine Karriere, also singt er pro Saison zwei bis drei Produktionen. Und jetzt als Wolfram an der Wiener Staatsoper zu debütieren, das freue ihn schon sehr und ehre ihn, natürlich.

Im Oktober ein Echo Klassik als "Sänger des Jahres" (der dritte), Ende Januar der Midem Classical Award für seine aktuelle Mahler-Lieder-CD. Der tatsächliche Erfolg, sagt Gerhaher, sei etwas ganz anderes als der Erfolg, den man sich in seinem jugendlichen Leichtsinn so vorstelle. Mittlerweile sitzen wir im Trockenen und bestellen Schnitzel. "Ich habe wahnsinnig viel Glück gehabt. Aber vielleicht ist das alles in der nächsten Woche vorbei. Das Musikgeschäft wird von Moden diktiert, mein unpathetisches Singen passt wohl gerade gut ins Raster."

Gerhahers Ideal ist, wen wundert’s, der junge Dietrich Fischer-Dieskau , weil er so unerhört "textbezogen" gesungen habe und der magnetischen Helligkeit der Stimme wegen. Nach 1945 war das revolutionär, gerade im Baritonfach setzte man damals mehr auf Testosteron als auf Aufklärung – aber heute? "Heute gilt Singen häufig als Sport, auch unter den Kollegen. Dagegen wehre ich mich. Singen ist das sinnliche Erleben einer Idee. Da geht es nicht darum, wie hoch einer über einen Stecken hupft!" Apropos Sport: Dopen Sänger nicht auch? Das sieht Gerhaher pragmatisch, manchmal müssten Gesundheit und Leistung eben erzwungen werden: mit Aspirin, Paracetamol, Gummibärchen für die lädierte Höhe, Kalzium, Antibiotika oder Kortison, dem "Teufelszeug". Der Bariton hat Medizin studiert und weiß, wovon er spricht. Er selbst leidet, seit er 16 ist, an Morbus Crohn, einer unheilbaren Autoimmunkrankheit, fünf Operationen, ein Leben mit Schüben und schweren Medikamenten. Will er das wirklich so in der Zeitung lesen? "Ich wüsste nicht, warum ich es verheimlichen soll."