Lars Eidinger muss keine Fernsehkrimis drehen, er ist an der Schaubühne fest angestellt, er hat dort genug zu tun, er gibt den Hamlet, mit dem er auch Gastspiele in Australien und Frankreich absolviert. Bald beginnen die Proben zu Dämonen , Angebote für Kinofilme gibt es auch. Er sagt, er findet all diese Sachen "interessant" – er fand es auch interessant, eine Rolle in der ZDF-Vorabendserie Notruf Hafenkante zu spielen, und er fand es interessant, bei einem Werbespot des Möbelherstellers Ikea mitzumachen. Vor zwei Jahren wollte er unbedingt Andreas Baader sein, in Bernd Eichingers Baader-Meinhof-Komplex . "Ich habe Baader schon mal gespielt", sagt Eidinger, "in einem Kunstfilm. Regisseur war ein New Yorker Filmemacher, der ist dann verschwunden und die Filmrollen auch." Eichinger lud Eidinger zum Casting ein, aber Moritz Bleibtreu war als Baader schon besetzt. Lars Eidinger bekam Alle anderen , und der Film schaffte es, der Gefühlslage einer Generation Bilder und Texte zu geben. 

"Und dann war ich plötzlich berühmt", sagt Eidinger. Berühmt? "Ja. Natürlich erkennen mich hier die Leute", sagt er im Hey Luigi. "Mindestens drei Leute hier wissen, wer ich bin." So ein Satz kann furchtbar dämlich klingen, grauenhaft arrogant, aber Lars Eidinger schafft es, dass es wie eine nüchterne Feststellung klingt.

Oder wie eine logische Schlussfolgerung. Eidinger tut was dafür, er arbeitet, er hat es verdient. Ikea-Werbung, Notruf Hafenkante , Polizeiruf – es scheint fast so, als spiele Eidinger alles Mögliche, und zwar nicht, um sein Talent zu beweisen, sondern aus einem anderen Grund. "Geliebt zu werden, von anderen bewundert zu werden – das war immer und das ist auch immer noch der eigentliche Antrieb für meine Arbeit", sagt er. Das, was er macht, soll den anderen gefallen, nicht ihm selbst.

Könnte das ein Problem werden? Liegt darin eine Gefahr? Nimmt er zu viel mit? Geht das überhaupt: von allen gemocht werden? Gestern war er Hamlet, gestern musste er den Satz sagen: "Der Rest ist Schweigen." Heute: "Kommen Sie rein, setzen Sie sich hin."

Eidinger hat es sich ausgesucht, er will das so, er muss diesen Satz nicht sagen, er muss keinen Fernsehkommissar spielen, aber einen Fernsehkommissar sehen an einem Abend sieben Millionen, Hamlet sehen 200, das eine macht bekannt, das andere berühmt.

Als wir das Restaurant verlassen, trifft er zufällig eine Bekannte, sie steigt aus dem Taxi, es wirkt wie bestellt, ist aber purer Zufall. Sie sieht ihn und sagt: "Du warst sooo gut gestern." Eidinger sagt nichts, und man weiß nicht, ob er es erträgt oder genießt.

Einen Tag später: Dreharbeiten zum ARD-Polizeiruf Zapfenstreich, Lars Eidinger wird morgens um Viertel vor sechs in seinem Hotel abgeholt und zum Klinikum München-Ost gebracht, nach Haar, ins Haus 77. Er spielt einen Kommissar, so einen lockeren, der Motorrad fährt und kifft und seine Hemden sehr offen trägt, Schimanski 2010. Er muss einen Mord aufklären, einen Mord in einer Kaserne, unter weiblichen Offizieren, seine Partnerin war früher Soldatin, jetzt ist sie Kommissarin, die beiden haben eine Affäre miteinander. Auf einem kleinen Monitor schaut sich Eidinger an, was er heute schon gedreht hat. Der Ton funktioniert nicht, es gibt nur bewegte Bilder, und auf den Bildern passiert nur eine Sache: Eidinger. Man sieht nur ihn auf diesem Monitor, seine Präsenz, seine Masse, seine Wucht. Eidinger füllt alles aus.

Ist er zufrieden mit dem Ergebnis? "Na ja", sagt er und dass da natürlich immer etwas fehle, wenn man dreht, es fehle "dieses Ding, das Schauspieler mit dem Publikum haben". Vielleicht macht es ihm deshalb auch Spaß, manchmal in Clubs aufzulegen. In Berlin macht er das schon lange, er mag diese Nächte, in denen die Menschen zu der Musik tanzen, die er für sie aussucht.

Er erzählt von den Dreharbeiten zu Alle anderen, da habe er sich irgendwann darüber beschwert, dass er nach einer Szene, die er spielt, keine Bestätigung bekomme, er wisse nie, ob es jetzt gut oder schlecht gewesen sei. An dem Tag beschloss das Team, für ihn zu klatschen, wenn er eine Szene gedreht hatte.

Ist es das, was Lars Eidinger treibt? Permanente Bestätigung? Weil er sonst nicht weiß, wie gut er ist? Am Abend in einer Münchner Bar. Nach drei Minuten kommt ein Mann zu ihm, sagt ihm, er habe seinen Hamlet gesehen, im Theaterkanal, "sensationell". In diesem Moment wirkt Eidinger verlegen, unsicher, nicht wie einer, den Lob aufbaut, befeuert. Er spricht jetzt über seine Schulzeit, über seine Jugend. Er war ein guter Schüler, er war ein guter Sportler, er spielte Fußball und Tennis, beides, wie er sagt, "auf hohem Niveau". "Ich wollte immer der Erste, immer der Beste sein", sagt er, und es klingt nicht entschuldigend, sondern wie ein Tatsachenbericht. "Ich war trotzdem auch immer der Clown, der, der die Lacher haben wollte. Erst dann war ich glücklich." Bei den Waldläufen gewinnt er jedes Mal, er strengt sich einfach mehr als die anderen, und wenn er ins Ziel kommt, kotzt er vor Erschöpfung. So ähnlich spielt er heute Theater. "Es gab schon Vorstellungen von Hamlet, da dachte ich, dass ich gleich tot umfalle."