Endlich hat das ungebundene Leben ein Ende. Endlich hat der Tag wieder eine Struktur. Für die viereinhalb Wochen der Fußballweltmeisterschaft kehrt Ordnung ein. Ist die WM Entlastung vom Stress des Alltags? Erst einmal erhöht sie die logistischen Ansprüche an die eigene Lebensführung. In diesen Wochen entdeckt der Angestellte ganz ohne einen McKinsey-Controller im Rücken das eigene Optimierungspotenzial: Die Arbeit wird jetzt so organisiert, dass man pünktlich zum Anpfiff vor dem Fernseher sitzt oder sich einen Platz mit guter Sicht beim Public Viewing gesichert hat. Vorher muss noch Zeit für den Getränkeeinkauf im nächsten Supermarkt sein. Während man sonst bis 20 Uhr um seinen Schreibtisch herumschleicht und kurz vor dem Gehen noch einen Stoß E-Mails verschickt, damit niemand die eigene Arbeitsplatzpräsenz übersieht, sind plötzlich alle Aufgaben bis 16 Uhr gelöst. Geht doch.

Insofern ist der Ausnahmezustand WM Stress. Aber es ist positiver, sinnstiftender Stress. Einer, der dem Leben Form gibt. Wir müssen nicht mehr von Augenblick zu Augenblick abwägen, was wir mit dem Tag am sinnvollsten anfangen. Eine größere Macht nimmt uns an die Hand, und wir folgen ihr und wissen, dass wir nichts falsch machen können. Eine Fußballweltmeisterschaft ist Erlösung von der Kontingenz. Ein höherer Zweck steuert unsere Tage wie die Klosterordnung das Leben der Mönche. Der Anpfiff ist unser Angelusläuten. Auch wer sich gar nicht so sehr für Fußball interessiert, ist auf heitere Art Teil einer Gemeinschaft, die demselben Ritus folgt. Während eines WM-Spiels muss man sein Handy nicht ausschalten, weil in den nächsten neunzig Minuten ohnehin niemand auf die Idee verfällt, einen anzurufen.

Die Weltmeisterschaft verwandelt unser zerfaserndes Leben in eine schöne Ordnung. Kosmos nannten die Griechen das. Wir empfinden ihn in fast verliebter Stimmung. Man will aus diesem Kosmos gar nicht mehr entlassen werden. Deshalb blieb man auch immer am Ende des Abends bei Waldemar Hartmann hängen: Der war zwar grauenvoll, aber es sollte einfach nicht aufhören. 

Vielleicht hat Angela Merkel dies sehr genau bedacht, als sie ihr Sparpaket in die Woche vor dem WM-Beginn platzierte. Das richtige Timing ist ja angeblich alles in der Politik. Die Gewerkschaften wollen gegen die Sparpolitik zum Massenprotest aufrufen und die Menschen auf die Straße bringen. Aber auf den Straßen stehen schon die Fernseher mit den bunten Fähnchen obendrauf. In der schönen Ordnung der WM dürfte kein Raum mehr für andere emotionale Generalmobilisierungen sein. Hin- und hergerissen zwischen Brot und Spielen, wird sich die Menge um die Verknappung der Brotration wenig scheren, solange die Spiele nur laufen. Wenn es Deutschland über die Vorrunde schafft, hat Merkel ihr Sparpaket im Kasten. Das ist die List des Ausnahmezustands: dass er die Normalität sichert. Im Rücken der WM wird der Haushalt saniert.