Ein Kaufhaus, das nur mehr Schrottplatz ist, das Foyer samt Rolltreppe ein einziger Haufen Altmetall; eine trauernde Witwe und ihr Sohn, die Bilder des toten Ehemanns, des toten Vaters wie Schutzschilde vor ihren Körpern tragen; Frauen, die sich hinter einer Barrikade aus Reifen, Bambus, Stacheldraht ducken – ich sehe diese Fotos und fühle mich versetzt in das Jahr 2008, als die Welt sich schon einmal erschreckt hatte vor einem Gewaltausbruch im vermeintlichen "Land des Lächelns".

Für ein paar Monate lebte ich dort und stellte bald fest: Es gibt viele Gründe, nicht zu lächeln in Thailand. Eines Abends lief ich in Bangkok durch die dunklen Straßen dem Getümmel am Horizont entgegen, wo sich in das Scheinwerferlicht der blaue Rauch der Garküchen kräuselte. Kein Umsturz ohne Cuisine in diesem Land. Polizisten standen vor ihren Einsatzwagen. Ich hörte Geschepper, das aus Megafonen drang und dem vom Klangschrott der Sprechchöre und hupenden Autos sekundiert wurde. Am Herd des Konflikts warfen sich zweihundert Gelbhemden gegen ein Grüppchen von Widersachern auf. Es war der Beginn der Staatskrise, die noch immer anhält.

Nächtelang campierte ich bei den Demonstranten in gelben Hemden. Auf den Ladeflächen der Pick-ups wurden ihre Gegner herangekarrt, Arbeiter und Landfrauen aus dem Nordosten. Sie sollten sich revanchieren für die Herablassung, die sie ihrer Unbildung wegen ernten, und vor allem wegen der Verelendung, die sie erleiden, sie, die Roten, die den geschassten, korrupten Präsidenten Thaksin loben, der aber Geld in die Provinzen geschickt hatte. Städter und Studenten dagegen, die Gelben, wollen eine Demokratie ohne Korruption oder das, was sie darunter verstehen – jedenfalls einen Staat ohne Thaksin-Gefolgsleute an der Spitze.

Seit der Verabschiedung der ersten thailändischen Verfassung 1932 hat es 13 Putsche gegeben. Mal stand das Militär auf der Seite der Demokratie, mal nicht; mal gelang die Revolte, mal scheiterte sie mit Toten, unangefochten blieb der König. Wir haben eine parlamentarische Demokratie, sprach er stets, wer wäre ich, sie zu beeinflussen?

1973 und 1992 wurden Proteste gewaltsam niedergeschlagen, 2006 wurde Thaksin vom Militär entfernt, die Menschen fotografierten sich lächelnd vor Panzern. Nach 2007 stellten die Thaksin-Sympathisanten zwei Premiers. Den ersten setzte die Justiz ab mit der Begründung, er habe als Fernsehkoch gearbeitet, eine unerlaubte Nebeneinkunft. Der Verurteilte entschuldigte sich: "Aber es hat doch immer gut geschmeckt!" Konfliktlösung Thai-Style. Die deutschen Zeitungen schrieben, Thailand trage seine Demokratie zu Grabe. Im Gegenteil: In Thailand lernten Rote wie Gelbe Demokratie: Demonstrieren, agitieren, damit fing es an.

An der Macht sind nun die Gelben, die Ohnmacht ist mit den Roten, die Drohung eines Bürgerkriegs bleibt bestehen. Auf der einen Seite: die Bauern und Armen und diejenigen, die sich vom Establishment abgestoßen fühlen, die Thaksin zum politischen Leben erweckt hat. Auf der anderen: die alte Elite und die Royalisten, für die Thaksin ein Emporkömmling ist. Die Bilanz der letzten Unruhen: 85 Tote.

Damals vor dem abgeriegelten Parlament sah ich einen Demonstranten der Gelben, der ein T-Shirt trug mit der Aufschrift: " I see dead people ". In der Nacht darauf fielen Schüsse. Einige Wochen später verschanzten sich die Gelben vor dem Regierungsgebäude. Sie hatten eine eigene Logistik entwickelt: Es gab bewachte Parkplätze für Demonstranten, kostenloses Essen, Getränke. Es gab Rednertribünen und Bühnenshows, Zelte und Feldbetten, sanitäre Anlagen, Carparks für die Übertragungswagen der Presse und bunte Plastikhände, die beim Schwenken klappern. Das macht mehrtägiges Klatschen weniger anstrengend. Ein Thai-Patent.

Abends schliefen die Demonstranten, bedeckt von Fahnen, Bilder des Königspaars im Arm, die Sandalen säuberlich aufgereiht, und jemand wedelte gedankenverloren mit dem Bastfächer über die Schlafenden. In Thailand hat selbst der Reis eine Seele. Wenn er anschwillt, sagt man, er sei schwanger, und opfert ihm dieselben Gaben, die man einer schwangeren Frau darbringt, kämmt das Haar der Reispflanze, wünscht ihr Glück. Wird er geerntet, verbirgt man das Messer in der hohlen Hand, damit die Pflanze sich nicht erschrecke. Wie ein so buddhistisch lebendes Land im Ausbruch der Gewalt mit seinen Prinzipien brechen konnte? Vielleicht, weil soziale Fragen einmal dringlicher geworden sind als religiöse.