Theo Sommer wurde 1958 in einem etwas groß geratenen Weidenkorb vor dem Hamburger Pressehaus abgeliefert. Damals war er schon 28, aber das ist bedeutungslos. Denn "Ted" war schon immer hier; er war und ist "Mr. ZEIT" – oder genauer: Er war und ist die ZEIT, untrennbar mit ihr verwachsen. Und deshalb ist ins Reich der Legende die dürre Mär seiner offiziellen Biografie zu verweisen. Als da wäre: Er sei 1930 in Schwäbisch-Gmünd geboren, habe in Tübingen und Chicago studiert und schließlich in Geschichte promoviert. Weiter besagt die Legende, Ted sei 1958 von Marion Gräfin Dönhoff entdeckt und zur ZEIT geholt worden.

Falsch. Wie alle Großen der Geschichte, wie Superman in der Rakete und Moses im Körbchen, war Ted plötzlich da – jener in Smallville, dieser in Hamburg. Und ist geblieben. Es ist auch kein Zufall, dass Ted genauso wie Superman alias Clark Kent Journalist ist. Bloß hat Clark Kent im Daily Planet nie die höheren Weihen bekommen; er blieb einfacher Reporter. Sommer aber war schon zehn Jahre nach seiner Anlandung stellvertretender Chefredakteur; sieben Jahre später war er Voll-Chef, der er zwanzig Jahre lang blieb – bis 1993. Es war dies die erste Blütezeit der ZEIT, in deren Verlauf die Auflage die halbe Million erklomm.

Wie hat er das geschafft? Wir wollen jetzt sein Lieblingsstilmittel aufgreifen, nämlich das "Erstens, Zweitens, Drittens". Erstens: mit seinem grünen Filzstift, mit dem er in gestochener Schrift die kleinste Glosse und den längsten Leitartikel verfasste; darunter auch den legendären "Lieber Helmut"-Brief auf der Seite 3, in dem er dem neuen Kanzler 1974 sagte, wo es in der Politik langgehen müsse. In der gleichen Ministerfarbe lehrte er seine Redakteure auch Qualität. Die durften dann ihren Namen über ihr nun total grünes Manuskript setzen und waren im Blatt.

Zweitens: mit einem "blonden", das heißt wässerigen Whisky. Den aber durfte er erst beim vorletzten Absatz kippen, weil, wie man auf Englisch sagt: "Ted can’t hold his liquor." Andere konnten es noch weniger als er, haben aber trotzdem weitergeschrieben.

Drittens: mit einer nie mehr dagewesenen Kombination aus Witz, Temperament, Brillanz, Talent, akademisch geschärftem Wissen und schierer Lebenslust. Solche Leute werden nicht mehr gebaut. Onliner haben weder einen grünen Stift noch die Muße zur Whisky-Einnahme.

Freilich haben wir es nie geschafft, Ted zwei weitere Stilmittel auszutreiben: den Hang zur Alliteration und zur blumigen Metapher. Unter seinem Stift übernahmen die Mullahs in Teheran 1979 "das Ruder". Er wollte uns nicht glauben, dass die frommen Bärtigen keine Matrosen waren. 

Draußen aber wuchs die Achtung vor ihm ins Unermessliche, nicht nur als Journalist, sondern auch als Mediziner. Als er einmal eine Sekretärin ins Krankenhaus verfrachtete, stand hernach auf dem Krankenblatt: "Eingewiesen von Dr. Sommer."

Er konnte auf den Tisch hauen (was jeder Chef muss), aber herzhaft über sich selber lachen (was man von einem Dax-Vorstand selten hört). Er ist ein Mann der Prinzipien, aber einer, der sie hoch genug hält, um ab und zu unter ihnen durchlaufen zu können. Und deshalb enden wir mit einem seiner Lieblingssprüche: "Consistency is the hobgoblin of small minds" – unabänderliche Meinungen sind der Quälgeist der Kleinkarierten. Ted ist das große Karo schlechthin: ein großer Kopf, ein großer Journalist, der größte seiner Zeit. Happy Birthday, Ted.

Josef Joffe ist Herausgeber der ZEIT