Für dieses Buch braucht man Geduld. Christa Wolfs autobiografischer Roman Stadt der Engel hat über vierhundert Seiten, aber erst nach gut zweihundert kommt so etwas wie Aufregung und Schwung in die Sache. Es ist der Moment, da sie während ihres Stipendiatenaufenthaltes in Los Angeles, den sie 1992/93 an der Getty-Stiftung verbrachte und in schöner, teils auch ermüdender Ausführlichkeit vor dem Leser ausbreitet, plötzlich mit der Nachricht konfrontiert wird, dass eine Stasiakte aufgetaucht sei, die ihre Tätigkeit als IM Margarete für die Staatssicherheit der DDR in den späten fünfziger Jahren belegt.

Panik und Entsetzen packen die Autorin. Was sich in der deutschen Presse (sie spricht ausschließlich von der "westdeutschen") abspielt und ihr in zahllosen Faxen aus der Heimat zur Kenntnis gebracht wird, wird für sie zur "Hexenjagd". Sie fühlt sich augenblicks an die Denunziationen und Vorwürfe erinnert, die sie 1969 in der DDR erleben musste, als es auf dem 6. Deutschen Schriftstellerkongress und auf der 10. Tagung des ZK um ihren Roman Nachdenken über Christa T. ging. Allen Ernstes (der "westdeutsche" Leser schluckt) notiert sie, dass sie als Person augenscheinlich in allen politischen Systemen Hass und Misstrauen auf sich ziehe. Damals wurde sie von der Partei verfolgt, heute von dem Klassenfeind. Mit anderen Worten: Larmoyanz und Selbstgerechtigkeit sind ihre erste Reaktion auf die Beschädigung ihres öffentlichen Bildes.

Wer Christa Wolf nicht wohlwill, kann reiche Belege für seine Abneigung finden. "Jede Zeile, die ich jetzt noch schreibe, wird gegen mich verwendet werden", bemerkt sie an einer Stelle. Man kann das gutmütig als Geste realistischer Resignation nehmen; man kann es aber auch als einen Versuch vorauseilender Immunisierung gegen jede Kritik lesen: Die Feinde der Autorin sind in diesem Buch immer schon mitgedacht; und zwar als stets bereite, lauernde Peiniger. Man kann tatsächlich, beginnend mit dem Nachdenken über Christa T., eine Tendenz durch das ganze Werk hindurch bis zu dem gegenwärtigen Buch verfolgen, die in der Neigung der Autorin besteht, sich in ihren weiblichen Hauptfiguren als Mater dolorosa zu inszenieren, als Leidende, durch eigene Güte an der Welt Scheiternde, die immer aufs Neue ausgegrenzt und gefoltert wird, von den Funktionären der Partei ebenso wie von den Schreiberlingen des westdeutschen Kapitals. Sie war immer und ist Kassandra, um die Titelfigur ihres wohl berühmtesten Romans anzuführen, sie sagt die Wahrheit und will das Gute, aber sie erntet Verfolgung und Hohn.

Es ist ungeheuer aufschlussreich, in diesem Zusammenhang noch einmal die Gutachten zu lesen, die von Verlag und Zensurbehörde über Christa T. geschrieben wurden. Den "moralisch rigorosen, ästhetisch hochsensiblen, seelisch leicht verletzbaren, auf Sehnsucht und Liebe gestellten, auf Vollkommenheit bedachten Menschen", den ein Gutachter in dem Roman seinerzeit auf ungesundem Konfrontationskurs zum Sozialismus sah, gibt es noch immer. Er ist auch die Hauptfigur und Erzählerin in der Stadt der Engel – und wie damals schon mit der Autorin leicht zu verwechseln. "Christa Wolf findet keine Distanz zu ihrer Heldin" (der Verleger Heinz Sachs 1969 im Neuen Deutschland). Dass ein solches Wesen, das schon im Sozialismus litt, der die Vervollkommnung des Menschen immerhin anstrebte, sich im Kapitalismus erst recht überall verletzt fühlt, wundert nicht.

Die Autorin genießt zwar die kalifornischen Sonnenuntergänge, sie würdigt die gastfreie Aufnahme, die den deutschen Emigranten während der NS-Zeit in Los Angeles zuteilwurde, sie ist sogar animiert gelegentlich von der bunten Warenwelt – aber vor allem sieht sie die homeless people, das Elend der Schwarzen und verfolgt mit Schrecken die militärischen Abenteuer, in die sich Amerika damals gerade im ersten Irakkrieg begab. Alles in allem erscheint ihr der Kapitalismus als keine satisfaktionsfähige Alternative zum Sozialismus, mag dieser sie auch noch so desillusioniert haben. Worauf eigentlich, das ist die implizite Leitfrage des Romans, beruht die moralische Überlegenheit, mit der meine westlichen Kritiker mich meinen abkanzeln zu können?

Auch das, ihre prinzipielle Treue zur sozialistischen Utopie, konzedierten schon die Zensoren und Gutachter von Christa T. – "daß die Entscheidung für die DDR, für den Sozialismus vollzogen ist, daß es – jedenfalls für die Autorin und ihre Figuren – keine Alternative mehr gibt". Hier ist also eine große Konstanz, wunderbar genug, über vierzig Jahre hinweg, und wer sich ernsthaft zu Herzen nimmt, dass für diese Frau keine Alternative zum Sozialismus besteht, vor allem nicht als Alternative zu dem NS-Staat, dessen Emigrantenschicksalen sie überall in Kalifornien begegnet, wird sich auch nicht mehr empören wollen, dass Christa Wolf noch in der Wendezeit 1989/90 gegen eine Wiedervereinigung und für eine Erneuerung des Sozialismus plädierte. Die Anhänglichkeit an das alte System ist ihr damals übrigens wesentlich übler genommen worden als die spätere Enthüllung ihrer unerheblichen jugendlichen Spitzeltätigkeit. Auch davon, von den politischen Angriffen und Verletzungen während der Umbruchsjahre, breitet das Buch reiches Wundenmaterial aus.

Aber das ist nicht sein Hauptthema. Die Selbstgerechtigkeit, die Anfälle von Weinerlichkeit und Selbstmitleid werden nur zur Vorbereitung einer ganz anderen Pointe inszeniert. Es geht auch nur vorgeblich um die Erschütterung durch Niedertracht und Spott ihrer politischen Gegner. Es geht um etwas, das abermals schon die Zensoren in Nachdenken über Christa T. untergründig am Werk sahen: "die bittere Enttäuschung der Autorin über das Mißverhältnis zwischen dem, was sie erreichen wollte, und dem, was sie erreicht hat (oder meint erreicht zu haben)". Diese Selbstenttäuschung, damals nur auf die Unmöglichkeit eines selbstbestimmten Lebens in der DDR gerichtet, musste sich, wie konnte es anders sein bei einem dermaßen von der eigenen Gewissenhaftigkeit durchdrungenen Menschen, ins Katastrophale steigern – angesichts einer Spitzeltätigkeit für die Stasi.