Die Deutschstunde – Seite 1

Das große Ereignis beginnt pünktlich, wie es sich in Deutschland gehört. Montagmorgen, elf Uhr, nicht eine Wolke trübt den Himmel über Hamburg-Altona. Die meisten der 64 Frauen, um die es geht, sitzen bereits in einer der Stuhlreihen. RTL richtet seine Kamera aus, Fotografen postieren sich, Absätze klackern über PVC-Boden. Ein junger Reporter des NDR-Fernsehens befragt eine Türkin mit schwarzem Kopftuch: "War es eine besondere Motivation für Sie, Deutsch zu lernen?" Schüchtern hält die Frau ihre Hände vor den Bauch. "Was hat sich jetzt für Sie verändert?", setzt der Reporter nach. Die Frau sieht auf den Boden und antwortet viel zu leise fürs Fernsehen. Zu hören ist aber das Wort "Stolz".

Es scheint, als gehe es um nicht weniger als die Zukunft Deutschlands an diesem Morgen, um das Werden und Wirken eines noch jungen Einwanderungslandes – denn ein Sprachkurs geht zu Ende. Das Land ist auf seine Einwanderer zugekommen, und die Einwanderer haben sich auf das Land eingelassen. 64 Frauen haben Deutsch gelernt, wie Politik und Medien es immer fordern, deshalb ist RTL gekommen, und deshalb betritt nun auch Hamburgs Senator für Soziales, Familie und Verbraucherschutz den Raum. Er schüttelt Hände und schreitet durch den Saal nach vorn, erste Reihe rechts, dann biegt er das Mikrofon hinab und lächelt den Frauen zu. "Es gehört Mut dazu", sagt Dietrich Wersich, "in einem Land zu leben, in dem man sich fremd fühlt, in dem eine Sprache gesprochen wird, die man nicht versteht, einem Land mit unbekannten Regeln und Bräuchen, in dem man nicht weiß, wen man um Hilfe bitten kann. Und es braucht noch viel mehr Mut, den Entschluss zu fassen, die Sprache dieses Landes zu lernen und mit den Menschen zu sprechen."

An diesem Morgen wird im Sitzungssaal der Türkischen Gemeinde Hamburg das Hochamt gelungener Integration begangen: die Zertifikatsfeier. Und natürlich ist dieser Tag ein Erfolg für die Teilnehmerinnen, für die Lehrerinnen, für die Türkische Gemeinde, für die Sozialbehörde, für die "schöne Stadt Hamburg", ja für Deutschland. Nach eineinhalb Jahren Deutschunterricht erhalten die Frauen aus den Händen des Senators je vier Urkunden in einer Hartplastikmappe. Damit ist es amtlich, wie es sich für Deutschland gehört: Diese Ausländerinnen haben den Integrationskurs bestanden. Diese Frauen sind einbürgerungsfähig. Es wird geklatscht und umarmt, Tränen fließen. Für Deutschland ist dies der Beginn einer verheißungsvollen Zukunft, für die Frauen das Ende eines langen, für manche harten Kampfes.

Was verlangt ein Land von seinen Einwanderern? Was versprechen sich Einwanderer von ihrem Land? Jahrzehntelang haben beide Seiten kaum darüber gesprochen, jedenfalls nicht miteinander. Doch seit Einführung des neuen Zuwanderungsgesetzes im Jahr 2005 gibt es staatlich verordnete Sprachkurse, in denen geredet werden muss – nicht nur über Nomen und Verben, sondern auch über Wünsche und Biografien, über Scheitern und Chancen. Im Auftrag des Bundes und auf Kosten des Staates sollen Migranten hier Deutsch lernen, als Grundvoraussetzung für ihre Integration.

Montagmorgen im Integrationskurs 14332-HH-36-2009 bei der "Bürgerinitiative ausländische Arbeitnehmer e.V." in Wilhelmsburg, einem Stadtteil im Süden Hamburgs, den viele als "sozialen Brennpunkt" bezeichnen. Von den etwa 50.000 Einwohnern sind mehr als ein Drittel zugewandert, die Arbeitslosenquote liegt bei über 13 Prozent.

"Ich bin stinkend faul" – heißt das, der riecht schlecht?

Im Parterre eines alten Gründerzeitgebäudes hat gerade die Deutschstunde begonnen, die Prüfung ist noch fern, die Zertifikatsfeier nicht mehr als ein vager Traum, denn dies ist ein Frauenkurs mit "langsamer Progression". Das heißt: Lehrer wie Schüler brauchen Geduld, viel Geduld. Hier sind jene versammelt, denen Integration am schwersten fällt: Frauen ohne Arbeit und Kontakte, oft ohne Ausbildung oder sogar ohne Schulabschluss, ans Haus gebunden – und verantwortlich für Kinder, die sich wiederum leichtertäten im Land, wenn bei ihnen zu Hause Deutsch gesprochen würde.

Im Klassenzimmer von Wilhelmsburg hat ein Whiteboard die Tafel ersetzt, die Tische sind in U-Form gestellt, etwas abseits stehen eine Couch und eine große Zimmerpflanze – damit nicht zu viel an Schule erinnert.

20 Frauen, die Hälfte von ihnen mit Kopftuch, haben einen Kreis gebildet. Im Hintergrund läuft das Lied Ich wär’ so gerne Millionär der Popgruppe Die Prinzen: "Ich wär’ so gerne Millionär / dann wär’ mein Konto niemals leer / ich wär’ so gerne Millionär / millionenschwer..."

Es geht um Wünsche und Wohlstand – und um ziemlich viele Konjunktive. Die Frauen schauen konzentriert auf kleine Zettel, die Kursleiterin Nicole Krauß verteilt hat. Auf den Blättern stehen Sätze aus dem Lied der Prinzen: "Ich hab ein großes Maul" oder "Ich bin stinkend faul". Stinkend faul – heißt das, der riecht schlecht?

Die Frauen im Kurs nehmen die Sprache beim Wort. Jedes Mal, wenn einer der Sätze auf ihren Zetteln im Lied auftaucht, sollen sie einen Schritt in den Kreis hineingehen. Am "Hörverständnis" arbeiten heißt das auf Kursdeutsch. Viele fühlen sich unwohl, im Mittelpunkt zu stehen, erst nach einigen Minuten entwickeln sie Spaß an der Bewegung, durch die eine Art Tanz entsteht. Sie erkennen deutsche Sätze wieder – ein erster Erfolg. Die Aufgabe klingt einfach, ist sie aber nicht. Nicht das Sprechen, nicht das Hören. Nicht einmal das Wünschen, das die Frauen dann selbstständig formulieren sollen, beginnend mit "Ich würde gern... / Ich möchte gern...".

Die Lehrerin fragt in die Runde: "Was wünschst du dir?"

"Ich möchte gern eine Weltreise machen!", sagt die erste Frau. "Ich würde gern Auto fahren", sagt die zweite. Und die dritte: "Ich würde gern ein Konto eröffnen."

 

Die Frauen, die jeden Montag, Dienstag und Donnerstag für je drei Stunden zum Unterricht kommen, haben viele Wünsche. Sie stammen aus der Türkei, aus Marokko, Niger, Algerien, Afghanistan, dem Kosovo, Togo, Makedonien, Syrien, Gambia, Nigeria und Iran. Und sie lernen neben Deutsch auch ein wenig mehr Selbstständigkeit und Mündigkeit. Denn ihre Lehrerin unterrichtet hier nicht nur Grammatik und Präpositionen, sondern sie thematisiert mithilfe der Lesetexte bewusst Fragen der Emanzipation oder erklärt ihnen, wie man ein Konto eröffnet.

Die Frauen sind hier, weil sie diesen Kurs machen müssen oder wollen, ihr Ziel ist der "B1-Status", laut Gesetz die Grundlage für eine Einbürgerung sowie Einstellungsvoraussetzung bei vielen deutschen Arbeitgebern.

Das System des Deutschunterrichts für Ausländer ist, typisch deutsch, systematisch: Vor B1 liegt die Eingangsstufe A1. Ein A1-Zertifikat bescheinigt den Besitz einfachster Deutschkenntnisse, seit fünf Jahren werden die schon in den Heimatländern der Migranten geprüft – und sind Voraussetzung für ein Visum für Deutschland. B1 ist dann die sogenannte Mittelstufe. Wer will, kann sich bei einer C1-Prüfung Universitätsreife attestieren lassen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bietet insgesamt elf unterschiedliche Kursarten an, darunter solche für Jugendliche, Eltern, Frauen und Analphabeten. Ein Kurs besteht aus Modulen, ein Modul umfasst 100 Stunden. Die Teilnehmer müssen nach 645 Stunden eine Prüfung ablegen, Analphabeten nach 945 Stunden. Wer durchfällt, erhält 300 weitere Stunden. Das BAMF zahlt maximal 1200 Deutschstunden – allerdings nur, wenn der Teilnehmer "Empfänger staatlicher Transferleistungen" ist, also Hartz IV bekommt. Wer kein Hartz IV erhält, zahlt seinen Kurs zur Hälfte selbst – einen Euro pro Schulstunde. Bei 600 Stunden kommt da eine Summe zusammen, die sich eine nicht arbeitende Migrantin nur leisten kann, wenn sie von ihrem Ehemann unterstützt wird, finanziell und moralisch. Um möglichst viele Ausländer zu animieren, erstattet der Bund bei bestandener B1-Prüfung 50 Prozent der Gebühr.

Einige der Frauen im Kurs von Nicole Krauß haben nur die Grundschule besucht und noch nie in ihrem Leben eine Prüfung ablegen müssen, andere waren in ihrer Kindheit auf dem Gymnasium. Einige mussten zunächst lateinische Buchstaben lernen, andere wuchsen mit Französisch als Amtssprache auf. Zwar stufen die Schulen ihre Teilnehmer zu Beginn der Kurse ein, sodass eine iranische Professorin nicht mit einer vietnamesischen Näherin gemeinsam lernt. Aber es kann vorkommen, dass sich Professorin und Näherin trotzdem in einem Modul treffen – beispielsweise, wenn die eine schnell gelernt hat und die andere nachsitzen muss. Es gibt Frauen in der Klasse von Wilhelmsburg, die vor dem Beginn ihres Kurses um 9.30 Uhr schon einen Putzjob gemacht haben – und Frauen, die noch nie eigenes Geld verdient haben. Keiner von ihnen fällt es leicht, die komplizierte deutsche Sprache zu lernen. Manche tun sich schwer damit, Deutschland zu begreifen, Deutschland überhaupt zuzulassen. Und einige versuchen es erst gar nicht.

Saliha, die Afghanin hinten links im Klassenzimmer, eine Frau mit auffallend kurzen Haaren, ist gerne hier. Wie die meisten Frauen spricht sie auch nach zehn Jahren im Land nur gebrochenes Deutsch. Und wie viele hat sie jung geheiratet, mit 15 Jahren. Oder wurde verheiratet, so genau ist das nicht herauszuhören, wenn Saliha aus ihrem alten Leben erzählt, in dem sie fünf Kinder zur Welt brachte. Sie ist jetzt 39 und sagt: "Es ist nicht gut, so früh zu heiraten und Kinder zu bekommen."

Saliha trägt kein Kopftuch, sondern eine Schirmmütze im Che-Guevara-Look. Sie ist eine fröhliche Frau, die sich selten über etwas beklagt, während viele ihrer Mitschülerinnen häufig von Kopfschmerzen sprechen und deshalb nicht zum Kurs kommen. Saliha fehlt so gut wie nie. "Ich muss doch Deutsch lernen, um alles zu regeln", sagt sie. "Meine Kinder werden irgendwann heiraten und weggehen! Dann können sie mir nicht mehr helfen."

Wozu den Plusquamperfekt lernen, wenn es 30 Jahre auch ohne ging?

Fragt man Saliha, ob sie das Gefühl habe, in Deutschland angekommen zu sein, sagt sie sofort Ja, als könnte es da keinen Zweifel geben. Seit drei Jahren haben sie und ihre Familie eine Aufenthaltserlaubnis. Mehr als sieben Jahre lang waren sie und ihre Kinder nur geduldet, also eigentlich "ausreisepflichtig", wie es im Beamtendeutsch heißt, wurden aber wegen des Krieges in Afghanistan nicht abgeschoben. Sieben Jahre seien das gewesen, sagt Saliha, in denen sie keinen Sinn darin sah, sich um den korrekt verwendeten Plusquamperfekt zu kümmern. "Wozu soll ich Deutsch lernen, wenn die mich eh bald rausschmeißen?"

Saliha wohnt keine fünf Minuten von ihrer Schule in Wilhelmsburg entfernt, in einem typischen Mietshaus, in dem ausschließlich Migranten leben. Der Geruch von fremden Gerichten hängt in der Luft. Kardamom, Kurkuma, Minze. Salihas Mann ist blind. Die fünf Kinder teilen sich zwei Zimmer. Sie ruft sie auf Dari, damit sie den Gast begrüßen, aber es kommt nur ein müdes "Ja, gleich..." zurück. Gelangweilte Teenager.

Im Flur hockt ein weißes Kaninchen in einem Stall. "Das ist Max", sagt Saliha. Den deutschen Namen haben ihm die Kinder gegeben. "Max hat aber auch noch einen afghanischen Namen: Barfi. Das heißt Schneeweiß."

Ein bilingual benanntes Kaninchen, eine Frau, die sich auf das Land einlässt, sobald dieses Land ihr eine Perspektive bietet – Saliha ist genau der Typ Einwanderin, wie ihn deutsche Politiker sich wünschen: mündig, fleißig, dankbar. In Afghanistan hat sie nach ihrem Abitur als Sekretärin Geld verdient – bis die Taliban die Macht übernahmen und Frauen nicht mehr arbeiten durften. In Deutschland hat sie drei Jahre lang die Büros einer Versicherung und einige Filialen von H&M geputzt. "Aber ich musste aufhören", sagt sie. "Asthma." Seither lebt Saliha mit ihrer Familie vom Staat. "Ich möchte ja gern arbeiten", sagt sie, aber ohne Sprachzertifikat gibt es kaum Jobs, keine gut bezahlten zumindest. "Wenn ich B1 bestanden habe, will ich mich als Pflegerin in einem Altenheim bewerben", sagt Saliha.

Die Zahl der Abbrecher geht in die Hunderttausende – warum?

Als der SPD-Politiker Thilo Sarrazin im September 2009 türkischen und arabischen Einwanderern vorwarf, eine große Zahl von ihnen habe – einmal abgesehen vom Gemüsehandel – keine produktive Funktion in Deutschland, sorge nicht vernünftig für die Ausbildung der eigenen Kinder und produziere ständig neue "Kopftuchmädchen", empörten sich breite Kreise aufs Schärfste, wohingegen der Schriftsteller Ralph Giordano, die türkischstämmige Autorin Necla Kelek sowie die rechtsextreme NPD Sarrazin sekundierten. Und während die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Volksverhetzung Ermittlungen aufnahm, mehrere Strafanzeigen prüfte, später aber das Verfahren einstellte, brach eine Debatte über die Integrationswilligkeit von Migranten los. Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach sprach von "Integrationsverweigerern": 40 Prozent aller Migranten, die vom Staat zu einem Sprachkurs verpflichtet worden seien, würden sich dem entziehen.

Die Linke richtete daraufhin eine Anfrage an die Bundesregierung. Dem zuständigen Bundesinnenministerium zufolge hatten sich im Jahr 2008 77 Prozent der verpflichteten Ausländer zu einem Kurs angemeldet. Weiter hieß es, dass die übrigen 23 Prozent nicht pauschal als "Integrationsverweigerer" gewertet werden dürften: "Es können auch andere Entschuldigungsgründe (...) vorliegen." Meistens seien das Schwangerschaften, Krankheiten, Umzüge oder der glückliche Fall, dass ein angehender Deutschschüler einen Job bekommen habe. Die Zahl der Abbrecher schätzte das Ministerium damals auf etwa zehn Prozent.

 

Grundsätzlich sollte gelten: Jeder Abbrecher ist einer zu viel. Doch bisher haben die Statistiken eine Schwäche: Sie unterscheiden nicht zwischen den Motivationen der Kursteilnehmer. 2009 etwa soll die Hälfte aller Schüler schon freiwillig einen der Integrationskurse besucht haben.

Stehen die Integrationskurse also für erfolgreiche Integration? Das BAMF sieht es so. In einer ersten Gesamtbilanz vermeldete die Behörde, dass zwischen 2005 und 2008 insgesamt 484.322 Migranten einen Integrationskurs begonnen hätten. 248.488 von ihnen seien bis zum Ende dabeigeblieben, 173.312 hätten an der Abschlussprüfung teilgenommen – und 115.732 bestanden.

Sieht so eine Erfolgsgeschichte aus?

Darüber streiten Politiker ebenso wie Migrantenverbände. Wann ist Integration erfolgreich? Ist Integration mit einer Sprachprüfung zu messen? Und wer befindet überhaupt darüber, ob ein Migrant zum Sprachkurs muss? Das liege "im subjektiven Ermessen der Sachbearbeiter von Arbeitsagentur und Ausländerbehörde", sagt Dirk Wollner, der in der Außenstelle des BAMF in Hamburg-Hammerbrook die Arbeit in vier Stadtbezirken koordiniert. "Wenn der Ausländer lange arbeitslos oder schwer vermittelbar ist oder auch nach mehreren Jahren seine Kinder zum Dolmetschen mit in die Behörde bringt, dann wird er als integrationsbedürftig eingestuft."

Der integrationspolitische Dreisatz klingt simpel: fehlende Sprachkenntnis gleich ausbleibende Ausbildung gleich langjährige Arbeitslosigkeit. Heißt in der Summe: dauerhafte Abhängigkeit von staatlichen Leistungen.

Was in der politischen Debatte nicht vorkommt: Zwar ist es der Staat, der von den Zuwanderern die Teilnahme an Deutschkursen fordert – aber er ist es nicht, der diese Kurse gibt. Allein in Hamburg werben 39 privatwirtschaftliche Anbieter um Klienten. 2009 lag das Budget des Bundes für die Integrationskurse bei 174 Millionen Euro, mittlerweile wurde es auf 204 Millionen aufgestockt. Integration ist eine Industrie geworden, der Wettbewerb unter den Anbietern ist beabsichtigt. Seit 2005 sind privatwirtschaftlich organisierte Träger wie die Türkische Gemeinde Hamburg angehalten, auf die Migranten zuzugehen, sie aufzusuchen, als Schüler zu werben. Die Schnittstelle zwischen Staat und Privatleben der Migranten ist also etwas unübersichtlich, manchmal auch für die Beteiligten selbst.

Die gängigsten deutschen Wörter sind "Arbeitsamt" und "Hartz IV"

Auch die Türkin Nurdan Kaya kann nicht erkennen, wo der Eingang zur Eyüp-Sultan-Moschee ist. Sie ist eben die Treppe aus dem S-Bahnhof Harburg heraufgestiegen und steht nun ratlos vor der Auslage eines Gemüsehändlers. "Knoopstraße 4", sagt sie, "hier müsste eigentlich der Eingang zur Frauenmoschee sein..." Kaya watet mit ihren schicken schwarzen Stiefeln durch die Pfützen.

Nurdan Kaya ist Sozialpädagogin bei der Türkischen Gemeinde Hamburg, seit zwei Jahren wirbt sie für deren Integrationskurse und sucht Einwandererfrauen der ersten Generation auf, um sie von den Vorteilen des Deutschlernens zu überzeugen.

Kaya besucht Hausfrauen aus dem konservativen Milieu, die seit 15 Jahren oder länger im Land leben und dennoch außer "Ja" und "Nein" kaum Deutsch sprechen. Ihren Besuch in der Koranstunde der Moschee, die sich hinter der Fassade eines Wohnhauses verbirgt, nennt Nurdan Kaya kühl "Akquise".

Der Gebetsraum ist schlicht. Auf dem Boden ist Teppich ausgelegt, in der Ecke hängt ein Fernseher, gegenüber ein Gemälde der Kaaba in Mekka. Alle Frauen im Raum tragen Kopftuch, viele sind Analphabetin. Erst einmal herrscht Schweigen. "Günaydn", sagt Kaya, "guten Morgen". Sie, die ihr Haar noch nie bedeckt hat, erklärt den Frauen zwischen 50 und 70, dass der Integrationskurs der Türkischen Gemeinde eine "einmalige Chance" sei – auch weil er "vom Staat bezahlt" werde.

Nurdan Kaya sitzt auf dem Boden und trägt ohne Umschweife ihr Anliegen vor, auf Türkisch. In ihre Sätze mischen sich die Begriffe "Arbeitsamt", "Bescheinigung" und "Hartz IV" – das wenige Deutsch, das die Frauen bislang beherrschen mussten. Schließlich verteilt Kaya Broschüren der Türkischen Gemeinde: Hamburg’da yaşam için bir eğitim – Bildung für ein Leben in Hamburg . Sie weiß, je mehr Frauen sie gewinnt, desto wirksamer könnte später die Mundpropaganda sein. Sie sagt: "Wir haben schon viele 60-Jährige alphabetisiert. Nur alphabetisierte Frauen können sich integrieren."

Doch eine Frau entgegnet ihr: "Als wir 1975 kamen, wollten wir nur zwei Jahre bleiben." Die anderen nicken. Eine andere erzählt: "Unsere Männer haben uns damals gesagt: Geh nicht zur Schule, lern nicht Deutsch, geh nicht zur Arbeit. Arbeit wäre eine Erniedrigung für dich." Eine dritte Frau sagt abwinkend: "Vor 40 Jahren, als wir als Gastarbeiterfrauen nach Deutschland kamen, gab es keine Sprachkurse. Und jetzt auf einmal soll ich Deutsch lernen, bei all der Arbeit zu Hause?"

 

Gemurmel. Nurdan Kaya kennt das.

Eigentlich sind an diesem Morgen auch nicht die alten Türkinnen ihre Zielgruppe, es sind deren Töchter, zu denen sie indirekt Kontakt aufnehmen will. Mädchen und junge Frauen, die es später einmal nicht bedauern sollen, dass sie ebenfalls kein Deutsch gelernt haben.

Auch einige Kilometer entfernt, in der Wilhelmsburger Deutschstunde von Nicole Krauß, sind sich nicht alle Frauen sicher, ob sie diese Sprache wirklich lernen wollen.

Ja, sagt Canan (Name geändert), sie fühle sich hierhin gezwungen. Canan ist 44 Jahre alt, sie wuchs an der Schwarzmeerküste auf. Canan hat das runde, gutmütige Gesicht einer Bäuerin, das aussieht, als käme sie aus einer anderen Zeit. Sie ist sehr früh gealtert. Über einem langen Rock trägt sie einen ebenso langen Mantel, und mit ihrem Kopftuch und ihrer formlosen Strickjacke sitzt sie da wie der hoffnungsloseste Integrationsfall, den der SPD-Politiker Sarrazin sich ausmalen könnte.

An dieser Frau lässt sich studieren, warum Integration über den Deutschunterricht doch noch so oft scheitert.

Canan geht in den Kurs, weil die Ausländerbehörde sie dazu verpflichtet hat. Die Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis hänge daran, habe man ihr gesagt. "Warum geben die mir nicht einfach diese Genehmigung? Ich bekomme einfach nichts in meinen Kopf rein!", schimpft sie auf Türkisch. Es ist ein derbes Türkisch, wie es Menschen sprechen, die vom Dorf kommen.

Als Canan zum ersten Mal nach Deutschland kam, war sie 15. Ihr Vater hatte hier Arbeit gefunden – seine Tochter hielt er von der Schule fern. Bald wurde Canan mit einem Cousin in der Türkei verheiratet. "So waren die Zeiten damals. Mein Vater hat mich halt hergegeben", sagt sie. Viele Jahre später, wie viele genau, kann Canan nicht mehr sagen, kam sie mit ihrem Mann und vier Kindern wieder nach Deutschland, nach Hamburg, wo auch ihre Verwandten leben. Sie blieb, illegal.

In der Türkei hatte Canan nur die Grundschule besucht. "Schule interessiert nicht im Dorf, da muss man auf dem Feld arbeiten!", sagt sie. Sie hat das Lernen nie gelernt. Und ihr Leben hat – aus ihrer Sicht – auch ohne Lernen funktioniert. Eingebettet in eine türkische Enklave mitten in Hamburg. Zeitungen oder deutsches Fernsehen spielen in ihrer Welt keine Rolle. Canan begreift nicht, warum sie nach 30 Jahren in Deutschland daran etwas ändern sollte. Sie fragt sich nicht, ob sie dadurch etwas gewinnen könnte. Sie sieht nur die Mühen.

900 Stunden hat Canan mittlerweile hier im Kurs gesessen, aber sie versteht noch immer die einfachsten Sätze nicht. In der Deutschstunde bleibt sie beinahe unsichtbar. Fast vergisst man, dass sie da ist. Sie ist eine Schülerin, an der Nicole Krauß verzweifeln könnte. Doch die Lehrerin sagt lieber: "Es gibt diese Lernungewohnheit."

Nicole Krauß ist "DaF-Lehrerin", "Deutsch als Fremdsprache", eine von 30 Kursleiterinnen bei der "Bürgerinitiative ausländische Arbeitnehmer" in Wilhelmsburg. Das Honorar für freiberufliche Lehrer liegt dort bei 22 Euro pro Stunde. Der Durchschnittslohn beträgt rund 15 Euro, manche Träger bieten sogar nur zwölf, Vor- und Nachbereitung des Unterrichts bleiben unbezahlt. Sprachlehrerinnen sind meist Idealistinnen.

In einer der ersten Stunden im neuen Jahr wollte Krauß über Silvester sprechen und fragte in die Runde: "Was hast du am 31. Dezember gemacht?" Die Frauen sollten erzählen. Canan verstand die Frage nicht und schaute hilflos zu ihrer türkischen Sitznachbarin. "Sen anladin mi?", flüsterte sie, "hast du das kapiert?" Die Sitznachbarin hatte es auch nicht verstanden und übersetzte falsch. Frustriert schauten beide zur Lehrerin. Die verteilte nun Arbeitsblätter. Die Frauen sollten schriftlich Fragen beantworten: Wann bist du ins Bett gegangen? Hast du das Feuerwerk gesehen? Was war das Beste im Jahr 2009?

Es ist immer dasselbe: Canan liest dann die Sätze vom Blatt ab und führt ihren Zeigefinger behutsam unter den Wörtern mit. Was war noch mal "Feuerwerk"? Was heißt "das Beste"? In solchen Momenten verschmelzen die Buchstaben zu einem grauen Brei. Sie werde es nie verstehen, sagt Canan, nicht nach 900 Stunden und nicht nach 2000. Manchmal hasse sie sich dafür.

 

Was droht ihr nun? Eine Strafe? Eine Geldbuße? Die Ausweisung? Wer nicht "ordnungsgemäß" an den Kursen teilnimmt, wer zu oft fehlt, wer abbricht, dem kann die Ausländerbehörde tatsächlich die Niederlassungserlaubnis verweigern. Die Ämter können auch die Sozialleistungen kürzen. All das liegt wieder im Ermessen der Sachbearbeiter, kommt aber nach den Erfahrungen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge so gut wie nicht vor.

Warum nicht? Und wie umgehen mit Frauen wie Canan? Ist es eine deutsche Illusion, zu glauben, dass sie am Ende dieses Kurses dieselbe Prüfung bestehen kann wie beispielsweise eine Inderin, die ihr Abitur auf Englisch gemacht hat – selbst wenn sie doppelt so viele Stunden dafür Zeit hatte? Lerngeschwindigkeit und Bildungshintergrund der Frauen sind tatsächlich viel unterschiedlicher, als die Öffentlichkeit sich das vorstellen kann – kein Vergleich etwa zu einer deutschen Grundschulklasse. Frauen, deren Muttersprache Arabisch ist, haben trotz anderer Schrift grammatikalisch betrachtet weniger Probleme mit dem Deutschen, mit all den Deklinationen und Konjugationen, den Pronomen und vor allem den Artikeln, als etwa eine Frau, die Türkisch spricht.

Eine Frau kommt nur noch, um ihre Krankmeldung abzugeben

Dass für Menschen, die als Kind nur kurz – oder nie – eine Schule besucht haben, am Ende des Sprachkurses eine Prüfung steht, sehen mittlerweile auch Fachleute skeptisch. In einem Positionspapier von verikom, einem der größten Anbieter von Integrationskursen in Hamburg, heißt es, man könne den Zwang zu einer Prüfung nicht unterstützen. Ein Teil der Schüler werde "aufgrund fehlender Grundbildungsmöglichkeiten in der Kindheit" auch mit 1200 Stunden den B1-Test nicht bestehen können.

Dass B1 kein Maßstab für alle ihre Schülerinnen sein sollte, findet auch Nicole Krauß. "Der Anspruch der Kurse geht oft an der Realität der Betroffenen vorbei. Davon kann man keine Einbürgerung oder Aufenthaltserlaubnis abhängig machen", sagt sie. "Fast alle meine Kollegen meinen, dass die B1-Prüfung nicht für jeden machbar ist, besonders nicht für diejenigen, die zunächst einmal lesen und schreiben lernen müssen. Das kratzt teilweise sehr an der Würde desjenigen, dem immer und immer wieder vorgeführt wird, was er nicht kann und was er nicht versteht." Besser, meint Krauß, wäre ein Konzept, das sich stärker an den Bildungsrealitäten der Schüler orientiert. Und das jeden persönlichen Bildungserfolg anerkennt, den die Teilnehmer erzielen. Und vielleicht muss Deutschland sich auch einfach eingestehen, dass diese Sprachkurse für eine bestimmte Einwanderergeneration einfach zu spät kommen.

Ob die Türkin Canan je die Prüfung schaffen wird? An einigen Tagen sagt Canan selber: "Ja!", trotz aller Schwierigkeiten. Aber meistens ist sie frustriert und verneint. Manchmal kommt Canan nur ins Klassenzimmer, um eine Krankmeldung abzugeben. Niemand weiß dann, ob sie jemals wiederkommen wird. Doch plötzlich taucht sie nach Wochen wieder auf, um in ihrem Mantel dazusitzen, als wolle sie gleich wieder gehen. Womöglich kommt sie nur, weil der Kurs Voraussetzung dafür ist, sich weiterhin in Deutschland aufhalten zu dürfen.

Sie fühle sich oft einsam, sagt Canan. Zweimal in der Woche geht sie putzen, zu Hause ist sie meist allein. Ihr Mann arbeitet nachts im Großmarkt, tagsüber will er seine Ruhe haben. Ihre Töchter sind verheiratet und aus dem Haus. Und weil Canan ihren Deutschkurs einzig an ihren sprachlichen Misserfolgen bemisst, übersieht sie etwas, das nichts mit korrekten Konjugationen zu tun hat: Das Klassenzimmer in Wilhelmsburg könnte für eine Frau wie sie auch ein Ort sein, an dem sie nicht Mutter, Ehefrau, Putzkraft oder einfach nur Ausländerin ist. Es könnte der Platz sein, an dem eine Frau wie Canan zum ersten Mal in ihrem Leben etwas nur für sich selbst tut. Ein Ort, an dem die älteren Frauen von den jüngeren respektvoll Abla genannt werden, "große Schwester". Ein Geschenk des Staates an seine Einwanderer, etwas spät vielleicht, aber doch weit mehr als nur eine populistische Geste, als ein kostenloses Symbol.

Ein Schüler im Integrationskurs kostet das Land vom Einstufungstest bis zur bestandenen B1-Prüfung exakt 1876,40 Euro, bei Wiederholung 2760 Euro, so genau rechnen die Deutschen. Von den 64 Frauen, denen Hamburgs Sozialsenator an jenem strahlenden Morgen im Sitzungssaal der Türkischen Gemeinde feierlich die Zertifikate überreichte, waren mit Abschluss des Kurses sieben bei den Arbeitsvermittlern des Hamburger Netzwerks Grone gelandet, Ziel: Altenpflegeassistenz. Denen, die Hebamme lernen wollen, hilft die Türkische Gemeinde bei der Vermittlung weiter, andere, vor allem die Jüngeren, haben noch berufsspezifische Deutschkurse belegt.

Sind sie damit integriert? Werden sie Arbeit finden, ein neues Leben anfangen?

Selbst erfahrene Sprachlehrerinnen wie Nicole Krauß können diese Fragen bislang nur schwer beantworten. Für viele ihrer Schülerinnen sei es bereits ein Erfolg, wenn sie fortan ihren Alltag selbstständig bewältigen könnten. Wenn sie alleine zum Arzt gehen, einkaufen, auf Elternabenden endlich etwas verstehen und sich auf den Behörden Gehör verschaffen könnten, ohne von ihren Männern und Söhnen abhängig zu sein. Einmal hat eine Schülerin Nicole Krauß erzählt, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Wort "trotzdem" gebraucht habe. Sie sagte es voll Stolz.

Andere Frauen, sagt die Lehrerin, versprächen sich mehr: Freundschaften mit Deutschen und berufliches Weiterkommen. Eine Frau wie die Afghanin Saliha kann die Deutschstunde womöglich dazu befähigen, bald deutsche Senioren zu pflegen. Und eine Frau wie Canan zumindest dazu bringen, ihre eigenen Wünsche zu formulieren – auch wenn das nicht die Wünsche sind, die der deutsche Staat an sie hat.

Einen Brief schreiben, einen Wunsch formulieren können – das ist das Ziel

Nur selten hört Nicole Krauß Genaueres über ihre ehemaligen Schülerinnen, doch hin und wieder bekommt sie Anrufe. Von einer Südamerikanerin zum Beispiel, die nach dem Sprachkurs eine Busfahrerausbildung gemacht hat. "Sie wollte meine Hilfe, weil sie die technischen Fragen bei der Fahrprüfung oft nicht verstanden hat. Und ich als Deutschlehrerin musste ihr manchmal sagen: Die verstehe nicht einmal ich! Aber sie hat es geschafft", sagt Krauß. Heute steuere die zierliche Frau einen riesigen Bus – ausgerechnet auf der Strecke, auf der ihre frühere Lehrerin zur Arbeit fährt.

Es gibt sie also, die Erfolgsgeschichten. Genauso aber gibt es auch die Wege der Frauen, die nach dem Kurs – mit oder ohne Zertifikat – wieder in ihr altes Leben zurückfallen und als Hausfrau und Mutter verlernen, was sie sich mühsam erarbeitet haben.

 

In Wilhelmsburg hat ein neuer Schultag begonnen. Von den ursprünglich 20 Frauen sind bislang fünf abgesprungen. Eine wegen Schwangerschaft, eine, weil sie eine Arbeit gefunden hat, zwei haben den Kurs gewechselt, die fünfte war freiwillig dort gewesen.

Saliha, die Afghanin, und ihre verbliebenen Mitschülerinnen stehen heute in ihrem Klassenzimmer vor ihrer bislang größten Herausforderung. Canan, die Türkin, fehlt. Wo sie ist, weiß wieder mal keiner. An diesem Morgen steht etwas auf dem Unterrichtsplan, das kaum jemand gern hört: "Prüfungsvorbereitung". Die Schülerinnen sollen einen Brief schreiben, in dem sie einer Freundin einen Kinobesuch absagen. Diese Aufgabe, das sagen alle, ist die schwierigste: nichts zum Ankreuzen, kein charmanter Small Talk mit fremdem Akzent – eine reine Eigenleistung, für die es eine halbe Stunde Zeit gibt.

Als Saliha ihren Brief schreibt, hängt ihr Kopf tief über dem Papier. Sie schreibt, radiert, schreibt und radiert wieder. Langsam fährt der Bleistift übers Blatt und formt jeden Buchstaben mit einer Sorgfalt, die man sonst nur von Kindern kennt. Nach einigen Minuten steht der erste Satz: "Ich kann leider nicht ins Kino gehen, aber vielleicht können wir zusammen DVD schauen." Es ist nur ein Satz. Aber auch der nächste Schritt, um in Deutschland anzukommen.