An diesem glühend heißen Sommerabend war auch die Stimmung in dem überfüllten Saal in Berlin-Mitte aufgeheizt. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hatte geladen; auf dem Programm standen Moral und Vergangenheit. Für die besondere Hitze sorgten letzte Fragen: die nach Mitschuld und Integrität, Identität und Wahrheit. Und der Zuhörer erlebte ein Déjà-vu: Urplötzlich ist sie wieder da, die fast schon eingeschlafene Debatte um die deutsche Vergangenheit namens DDR.

Fast ist es wie vor nun schon fast zwanzig Jahren, als auf Podien überall im Osten heftig um die DDR-Diktatur gestritten wurde; auch manche Kombattanten sind dieselben geblieben. Die Leidenschaften wogten hin und her, ebenso wie die lautstarken Mehrheiten im Publikum. Jens Reich, Molekularbiologe und einst Mitbegründer des Neuen Forums, hörte aufmerksam im Stehen zu – und niemand hätte sich gewundert, wenn Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck vorbeigeschaut hätte.

Es war ein Kampf mit offenem Visier – zwei beeindruckende, nachdenklich stimmende deutsche Lehrstunden lang, in den Fächern politische Kultur und Vergangenheitspolitik. Auf dem Podium saß ein Pädagoge, Jan-Hendrik Olbertz, einer der profiliertesten Bildungspolitiker des Landes, Ex-Minister und frisch gewählter neuer Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin.

Er stellte sich seinen Kritikern: dem Zeithistoriker Ilko-Sascha Kowalczuk, einem der besten Kenner der Hochschul- und Oppositionsgeschichte der DDR, der für einen Vortrag Olbertz’ zu DDR-Zeiten entstandene akademische Qualifikationsschriften gelesen hatte und auf "Machwerke" voller "ideologischer Einpeitscherparolen" gestoßen war (ZEIT Nr. 23/10); und dem emeritierten HU-Theologen Richard Schröder, der den sich vor 1989 "verstellenden" Olbertz als "Spiegel" jener sozialistischen Ideologie bezeichnet hatte, die die Diktatur stets legitimiert habe.

Wenn es moralische Rechenaufgaben gäbe, würde man diese als knifflig bezeichnen – zu knifflig wohl für all diejenigen, die sich im Laufe der Jahre an scheinbar klare Gleichungen auf diesem Feld gewöhnt haben. Denn Olbertz, Jahrgang 1954, war in der DDR kein IM und nicht in der SED, wehrte sich erfolgreich gegen die Mitgliedschaft bei den paramilitärischen "Kampfgruppen" und weigerte sich, in seiner von Kowalczuk, Jahrgang 1967, attackierten Promotion B (dem östlichen Pendant zur Habilitation) ein Kapitel über studentische Wehrerziehung zu schreiben.

Schließlich verfasste der Vater von drei kleinen Kindern gar, als der Druck zu groß wurde, einen (dann nicht eingereichten) Ausreiseantrag, wie er in der Diskussion berichtete – und seine inkriminierten Schriften seien ihm ohnehin heute fremd und peinlich, hätten sich damals aber an der Grenze des politisch Möglichen in seinem Fach bewegt und in ihren ideologischen Phrasen nicht seinen Überzeugungen entsprochen. Und last, but not least existiert eine Stasiopferakte über Olbertz.

Also nichts dran an Kowalczuks Vorwürfen, zumal sich das Konzil der Humboldt-Universität hinter Olbertz gestellt hat? Scharf attackierte Olbertz denn auch unter dem Beifall anwesender jüngerer Professoren seiner Universität Schröder und Kowalczuk, sprach von "Ehrverletzungen ohnegleichen", sah im unwissenschaftlichen "Pamphlet" des Letzteren eine "wilde Collage" aus zudem oft verfälschten Zitaten, das ihn unter dem Motto "Der muss weg!" an den Pranger bringen solle (einsehbar übrigens unter www.havemann-gesellschaft.de ).

Doch die Lage ist nicht so einfach, wie der durchaus redliche Olbertz sie gerne hätte; die Angegriffenen konterten unerschütterlich und klug. Zu Recht erinnerte Kowalczuk daran, dass sich seit den stürmischen Neugründungszeiten keine ostdeutsche Universität angemessen ihrem schwierigen DDR-Erbe gestellt habe – und unmittelbar nach 1990 jemand wie Olbertz nicht an die Humboldt-Universität berufen worden wäre: Die politisierteste Universität der DDR hatte damals einen besonders intensiven Reinigungsprozess dringend nötig, zumal in einem hoch ideologisierten Fach wie der Pädagogik. Es gibt ja gute Gründe dafür, dass bislang vor allem die ideologisch kaum kontaminierten Naturwissenschaftler aus dem Osten im vereinten Deutschland für Führungspositionen infrage kamen, bis hinauf zur Bundeskanzlerin.