Gestern Nacht sind die ligurischen Berge mein Zuhause geworden. Wie so oft in den letzten Monaten trat ich aus meiner Wohnung in die enge Gasse, die ausgestorben im Laternenlicht lag. Ich folgte dem Hund auf seinem Weg in die Wiesen. Ich stieg zwischen der Kirche und Lucianos Internetladen die Stufen hinauf, schritt an den Feldsteinen des eingerüsteten Pfarrhauses vorbei, an den Eisenrohren, die vor der Schmiede rosten, vorbei an Chica, der lahmen Zottelhündin, die auf der Straße schläft. Ich ging bis zum Friedhof hinauf. In den Wandnischen glühten die Lebenslichter, die Nacht schwieg unter einem runden Mond.

Hierher war ich nach meiner Ankunft im frühen März in den Fahrspuren der Autos gestapft, als zwanzig Zentimeter Schnee das ligurische Städtchen zudeckten, als die Straßenlaternen zu flackern begannen und schließlich der Strom wegblieb. Allein und stumm hatte ich manchmal auf dem düsteren Berg gestanden und versucht, kein Heimweh nach Berlin zu empfinden. Hier hatte ich über die Höhenzüge des Apennin wieder und wieder dem Vara-Fluss in seinem Kieselbett nachgeblickt.

Gestern Nacht hat sich die Leere der letzten Monate endlich gefüllt. Im Mondlicht lagen die Bergketten hintereinander, aufgelöst in Schleier von durchsichtigem Blau. Eine Nachtigall sang unten am Fluss, eine andere antwortete ihr ein Stück weiter. Das Tal bis zu den Bergen von Carrodano, hinter denen die Riviera beginnt, hatte sich mit Klang gefüllt. Ich stellte mir vor, dass die Erde in dieser Nacht so aus dem All wahrnehmbar wäre, als ein Teppich von Tönen. Und ich könnte von Nachtigall zu Nachtigall wandern, bis ich das Mittelmeer erreichte.

Noch vor einem halben Jahr hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich – wenn auch auf Zeit – Bürger von Varese Ligure sein würde. Mir wäre im Leben nicht eingefallen, dass ich bei Mauro, dem stets Mozartarien pfeifenden Postboten, Kirschholzscheite für meinen Bullerofen holen würde. Ich hätte nie geahnt, dass ich beim Schreiben einmal vom Schwatzen und Lachen der Frauen umgeben wäre, die im Wollladen unter den dünnen Holzdielen meines Wohnzimmers ihren Tratsch-Stützpunkt haben. Und welch unverhofftes Geschenk: Das Fleisch, das ich einmal pro Woche kaufe, stammt von biologisch gehaltenen Rindern, die sich an Wiesenblumen mästen.

Erst recht hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal den Klassenlehrer und die Pedellin der Scuola Media kennenlernen würde. Dort habe ich meinen Sohn eingeschult, der im Übrigen für unseren Umzug verantwortlich ist. Er stellte die Weichen bei unserem jüngsten und seinem ersten Italienurlaub, als wir im Auto über eine Gasse des nahen Riviera-Örtchens Bonassola krochen, von plaudernden Fußgängern zum Schritttempo genötigt. "Papa, warum gehen die Menschen auf der Straße?", fragte er. "Haben die Vorfahrt?" – "Nein." – "Warum machen sie es dann?" – "Sie machen es eben einfach." – "Papa?" – "Ja?" – "Ich möchte in Italien leben."