Kaum eine Epoche hat Europa so sehr verändert wie jene knapp drei Jahrzehnte zwischen 1789 und 1815, zwischen dem Sturm auf die Bastille und dem Untergang Napoleons. Jahrhundertealte Reiche zerfielen zu Staub, neue Staaten entstanden und neue Staatsformen. Die Kirchenreligion verlor endgültig ihre Macht über die europäische Welt, und an die Stelle des Monarchen trat der Wille des Volkes. Unerhörte Ideale wurden postuliert, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und wieder verraten. Die Bürger stürzten die alten Dynastien – und gründeten neue.

Eine dieser neuen Dynastien ist das Haus Bernadotte. Im Anfang war da der Anwalt Henri Bernadotte in dem Örtchen Pau im Südwesten Frankreichs (bekannt als Heimat des "guten Königs" Heinrich IV.). Verheiratet ist er mit Jeanne de Saint Vincent. Am 26.Januar 1763 kommt das fünfte Kind auf die Welt: Jean-Baptiste. Dass aus ihm der Gründer eines heute noch existierenden Königshauses werden sollte – dieser Gedanke wäre Advokat Bernadotte gewiss absurd erschienen. Seine Hoffnung ist, der Sprössling könnte wie er selbst Anwalt werden. Sie erfüllt sich nicht. Der Junge hat keinen Sinn für Paragrafen. Als der Vater 1780 stirbt, folgt der 17-Jährige seiner wahren Neigung: Er wird Soldat.

Napoleon verabschiedet ihn elegisch: "Möge sich unser Schicksal erfüllen"

Das Regiment Royal-la-Marine ist für den Dienst in Übersee bestimmt und damit besonders attraktiv für junge Männer mit dem Hang zum Abenteuer. Der erste Standort jenseits der vertrauten Küsten liegt indes nur eine kurze Fahrt von Toulon und Marseille entfernt, auf Korsika. Eineinhalb Jahre verbringt Bernadotte auf der wilden Insel, doch zu einer schicksalhaften Begegnung, wie Biografen sie lieben, kommt es nicht, noch nicht: Der sechs Jahre jüngere Korse Napoleone Buonaparte, auch er ein Anwaltssohn, lernt zu dieser Zeit an der Militärakademie in Brienne.

Bedeutsam für Bernadottes (und Frankreichs) Zukunft wird hingegen ein Ereignis an einem anderen Standort, in Grenoble. Inzwischen zum Feldwebel aufgestiegen, ist er dabei, als es in der Stadt am 7. Juni 1788 zum "Tag der Dachziegel" kommt. Es ist das erste Wetterleuchten der Revolution, ein sozialer Aufruhr, ein gewaltsamer Bürgerprotest. Aus den Häusern regnet es Steine und Dachpfannen auf das Militär, es wird geschossen. An diesem heißen Samstag fliegen Bernadotte zum ersten Mal die Kugeln um die Ohren, und er erkennt, wie brüchig die Verhältnisse sind.

1789 beginnt die Revolution, wenige Jahre darauf der Krieg. Leutnant Bernadotte kämpft mit seinen Truppen gegen die Armeen des alten Europa, die das Feuer der Revolution austreten sollen. Bei Valmy in der Champagne bleibt die Invasion des deutschen Fürstenheeres im September 1792 stecken, Frankreichs Truppen rücken vor. Seinen 30. Geburtstag erlebt Bernadotte im Januar 1793 bei der Rheinarmee in Bingen. Dort hört er, dass Ludwig XVI. – längst zum "Bürger Capet" egalisiert – wegen Landesverrats hingerichtet worden ist.

Bernadottes Tapferkeit ebnet ihm den Weg nach ganz oben. Im Oktober 1794 wird er Generalmajor. In jenen Tagen schreibt er auch Militärgeschichte: Als erster hochrangiger Offizier betreibt er "Luftaufklärung", als er bei Andernach mit einem Ballon aufsteigt, um feindliche Truppen zu beobachten.

1797 kommt die Abberufung auf einen anderen Kriegsschauplatz: Italien. Am 3. März trifft er zum ersten Mal Napoleon. Es ist der Beginn einer höchst ambivalenten Beziehung, von gegenseitigem Respekt geprägt, stärker aber noch vom Misstrauen. Wie so viele Militärs der Revolution ist Bernadotte ein Mann des Volkes: "Republikaner aus Prinzip und Überzeugung, werde ich bis zu meiner Todesstunde alle Royalisten bekämpfen." Da können ihm Bonapartes Ambitionen kaum gefallen. Dieser wiederum sieht Bernadottes Beliebtheit bei den Soldaten und sein Organisationstalent mit Unbehagen; ständig wittert er Verschwörung. Die Tatsache, dass Bernadotte am 16. August 1798 Napoleons Exverlobte Désirée Clary heiratet, trägt auch nicht gerade zu einem unverkrampften Miteinander der beiden Männer bei.