Mauricio Castillo Peña hat den mächtigen Schädel kahl rasiert. Seine Hände gleichen Schaufeln. Ruhelos schiebt der 48-jährige Tischler das Foto hin und her. Es zeigt einen Mann, der mit harmlosem Stolz in seiner Felljacke posiert. Mehr ist Mauricio nicht geblieben von Jaime, seinem schmächtigen Bruder. Jaime war 45 Jahre alt, als er am 10. August 2008 aus dem Armenviertel Alamos, nicht weit von Bogotás Flughafen, verschwand. Zwei Monate lang suchte Mauricio ihn in Krankenhäusern und Leichenhallen. Dann fand er seine Spur – eine unter Hunderten.

Alle diese Spuren belasten Kolumbiens scheidenden Präsidenten Álvaro Uribe und seinen Nachfolgekandidaten Juan Manuel Santos, dem der Sieg bei den Wahlen am kommenden Wochenende kaum noch zu nehmen ist. Sie entlarven eine Politik, die sich nicht scheut, auch mit Staatsverbrechen linke Terroristen zu bekämpfen, und die zugleich rechte Todeskommandos stützt.

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Jaime Castillo wurde am 10. August 2008 im Auftrag der 15. Armeebrigade entführt. Ihre Befehlsempfänger verschleppten ihn in das Departement Norte de Santander, schossen ihm aus drei Meter Entfernung in den Rücken, warfen den Leichnam in ein Massengrab und registrierten Jaime als "Drogenterrorist". Noch vor der "außergerichtlichen Hinrichtung" hatten die Kopfgeldjäger ihrem Opfer die Krücken weggenommen.

Der "Terrorist" war ein Krüppel gewesen, behindert nach einem Autounfall. Wie Tausende andere hatte er in den Straßen Bogotás gesessen, Porträts gemalt, Süßigkeiten verkauft, sich gelegentlich mit der Polizei angelegt. Denn wie ebenfalls viele in diesem Land, aus dem 60 Prozent allen Kokains kommen, war Jaime beim Militärdienst von Drogen abhängig geworden. Für den Bruder steht fest: "Polizisten haben die Militärs für Geld regelmäßig auf passende Opfer hingewiesen."

Die Opfer der Armee werden heute als falsos positivos, als falsche Gefallene, rubriziert. Mit über 2000 wird gerechnet, in 1300 Fällen schon ermittelt. Uribe selbst hatte vom Militär wiederholt bessere Resultate und mehr Effizienz im "Kampf gegen den Terror" gefordert – dem er seine Popularität verdankt. Die Regierung schuf deshalb ein makabres Belohnungssystem. Sie zahlte für jeden gefallenen Farc- oder ELN-Rebellen eine Kopfprämie. Umgerechnet rund 1200 Euro für einen "einfachen" Guerillero, mehr für höhere Ränge. Der inzwischen zurückgetretene Armeechef Mario Montoya verlangte "Stadien voller Tote".

Vorerst – und zumal unter einem künftigen Präsidenten Santos – haben weder die Täter nationale Gerichte, noch hat Álvaro Uribe den Internationalen Strafgerichtshof groß zu fürchten. Präsidentschaftskandidat Santos, in dessen Amtszeit als Verteidigungsminister all der Horror geschah, dankte nach seinem Sieg (46,5 Prozent) in der ersten Wahlrunde am 30. Mai demonstrativ der Armee und Uribe, "dem besten Präsidenten in der Geschichte Kolumbiens".

Das glauben noch immer viele. Als der Mann mit dem milchgesichtigen Pokerface und der randlosen Brille 2002 zum ersten Mal gewählt wurde, galt das Drogenland als failed state. Uribe führte das gewalttätigste Land Südamerikas mit der nach Brasilien zweitgrößten Einwohnerzahl (44 Millionen) aus dem Chaos. Seine von US-Militärhelfern ausgebildeten und ausgerüsteten Einheiten zerstörten die Netzwerke der mit Entführungen und Erpressungen Schrecken verbreitenden Farc-Rebellen.

Vor allem die Reichen, die städtischen Eliten, aber auch ein Teil der armen Landbevölkerung sahen und sehen im Präsidenten den Erlöser. Doch Uribe zog nur gegen die Guerilleros unversöhnlich zu Felde, während er die rechten Paramilitärs, die Autodefensas Unidas de Colombia (AUC), zu integrieren suchte. Dabei haben diese von Großgrundbesitzern vier Jahrzehnte zuvor gegen aufständische Landreformer gegründeten "Selbstverteidigungs-Einheiten" unter Uribes Präsidentschaft dreimal so viele Morde und Menschenrechtsverletzungen begangen wie die Guerilleros.

Iván Cepeda, Buchautor und Menschenrechtler, dessen Vater einst als Präsidentschaftskandidat ermordet wurde, sieht Uribes Regierung als ein "perfekt maskiertes System, das viele Opfer schafft und sich zugleich selbst als Opfer des Terrors ausgibt". Wer sich nicht hinter Uribe stellte, den rückte er von seinem ersten Wahlkampf an in die Nähe der Rebellen. Den Paramilitärs hingegen verhieß er am ersten Tag seiner Präsidentschaft im Jahre 2002 die Rückkehr ins zivile Leben und sogar eine künftige Präsenz im Parlament.

Mehr als 30.000 Männer folgten seinem Angebot der Demobilisierung und schrieben sich für ein Reintegrations- und Sozialprogramm der Regierung ein. Heute zeigt die Welle neuer Massaker und Vertreibungen der Landbevölkerung durch AUC-Verbände der zweiten Generation, die im Drogenhandel mit den Farc-Rebellen konkurrieren oder auch fusionieren, dass die Demobilisierung das Land nicht befriedete.

Sie nutzte vor allem dem System Uribes. Legalisierte Exkämpfer usurpierten lokale Versammlungen und Gemeinderäte, kümmerten sich in manchen Stadtvierteln um Steuererhebungen oder Schutzgelder. So eroberte der Präsident nach außen erfolgreich die verlorene Autorität des Staates zurück – unter Einbeziehung der Paramilitärs als Ordnungsmacht und Paten eines modernen Unternehmertums. Es war ein Modell, das Uribe fast von Jugend an aus der Provinz kannte.