Das New York, in dem Richard Price’ Roman Cash spielt, setzt sich grosso modo aus vier Menschengruppen zusammen: mehr oder weniger stumme, arbeitsame Einwanderer aus Asien, tendenziell gewaltbereite Farbige, weiße Bohemiens, die vom Hollywood-Durchbruch als Filmregisseure träumen, aber vorerst als Barkeeper ihr Geld verdienen müssen, und dazwischen: Polizisten. Ort der Handlung ist die Lower East Side von Manhattan. In der unmittelbaren Nachbarschaft ist die Wall Street, der Stadtteil selbst ist in raschem Wandel: Die alten Unterschichten aus den Sozialbauwohnungen bekommen neue, hedonistisch gestimmte Nachbarn, die die bröckelnde Bausubstanz sanieren. Die Vorhut dieser Gentrifikation sind die Studenten. Die verschiedenen sozialen und ethnischen Milieus sitzen sich dabei quasi auf dem Schoß, leben Seite an Seite, aber trotz der räumlichen Nähe durchmischen sie sich nicht. Es ist eine segregierte Welt, die weder Mauern noch Stacheldraht braucht, um undurchlässig zu sein. Es genügt, dass man nicht dieselbe Sprache spricht, um ein gewissermaßen linguistisches Apartheidsystem zu errichten: Obwohl das natürlich alles in einem grammatisch großzügigen Sinne Englisch ist, sind die Kommunikationscodes so verschieden, dass man füreinander wie auf fremden Planeten wohnt, auch wenn man über denselben Bürgersteig spaziert.

Vermutlich ist die einzige Kommunikation, die einen momentanen Kontakt zwischen den Milieus herstellt, die Gewalt. Der Akt des Überfalls ist wie ein Kurzschluss zwischen den Klassen. Für einen Augenblick sieht man dem anderen ins Gesicht und dreht die soziale Asymmetrie um, weil die Währung der Macht in dieser Transaktion nicht das Geld, sondern die Gewalt ist. Die Polizisten sind dabei die Übersetzer, die die verschiedenen Sprachen sprechen können müssen.

Richard Price’ Roman Cash entwirft ein minutiöses Gesellschaftspanorama eines scharf umrissenen Ausschnitts von Manhattan. Wie die Protagonisten läuft auch der Leser wieder und wieder um die gleichen Straßenecken und kommt nur selten raus aus dem Viertel. Richard Price betreibt close reading eines Soziotops: Er hat das absolute Gehör für die feinen Unterschiede, für die verschiedenen Tonhöhen und Zungenschläge, in denen sich die soziale Biografie eines Menschen unfreiwillig verrät: Gerne entfaltet Price in langen, großartig gespannten Vernehmungsdialog-Bögen seine Welt.

Drei Freunde, weiß, ziehen nachts um die Häuser und haben schon ordentlich getankt, als sie von zwei farbigen, bewaffneten Jugendlichen gestellt werden: Der eine, Eric Cash, rückt sofort die Kohle raus, der andere kippt einfach um, als hätte der Alkohol ihn ausgeknockt. Der Dritte aber, Ike Marcus, ist auf den Flügeln des Rausches übermütig geworden und sagt zu Tristan, dem Halbwüchsigen mit dem Revolver: "Heute nicht, mein Freund." Was mehr ein Hollywood-Zitat ist als eine ernst zu nehmende Verhandlungsposition in dieser Lage, eine Coolness-Pose eben, wie sie einem der Gott des Alkohols manchmal eingibt. Aber Tristan fühlt sich von dieser Entgegnung so aus dem Konzept gebracht, dass er die Nerven verliert und abdrückt. So hat Detective Matty Clark wieder einen Fall.

Das Verbrechen bei Price ist keine raffinierte Tat, die durch Beobachtungsschärfe und Kombinationsgabe gelöst werden könnte. Das Verbrechen ist sinnfrei. Es ist Teil einer sozialen Praxis. Deshalb geht es in Cash auch nicht um das für den Krimi typische "Whodunnit", sondern um eine urbane Soziologie. Der Leser weiß von Anfang an, wer die Täter sind. Und auch Detective Matty Clark und seine Kollegin Yolonda kommen dem Mörder nicht durch kriminaltechnische Schlüsse auf die Spur, sondern indem sie sich immer wieder in den Dschungel begeben, in dem die Tat begangen wurde – in der Hoffnung, dass einem der Täter irgendwann in die Arme läuft oder sich jemand, der etwas weiß, verplappert. Es geht nicht um Aufklärung, eher um so etwas wie strategische Partizipation. Man muss sein Revier kennen und wissen, wo was passiert ist: "Matty war schon immer mit dem Polizistenblick geschlagen gewesen: dem Zwang, wo immer er hinging, sich die Überlagerungen der Toten vorzustellen."

Einmal kommen die Ermittler in eine Mietskaserne, wo chinesische Einwanderer wohnen. In jedem Zimmer stehen mehrere Betten. Und alle Betten sind mehrfach belegt. Wenn der eine arbeitet, schläft der andere. Hier hat die Polizei es besonders schwer, denn die Chinesen machen den Mund nicht auf. Sie wollen nicht zu Zeugen werden. Matty und Yolonda stoßen also zur Küche vor. Da steht ein Aquarium mit einem Karpfen drin. Der Karpfen ist fast so groß wie das Aquarium, so dass er sich nicht umdrehen kann. Mehr muss der Erzähler nicht sagen. Er muss nur wie eine Kamera dieses Aquarium in den Blick nehmen, um diese Existenzen in ein starkes Bild zu bannen: die chinesische Leidenschaft fürs Kochen und also für frischen Fisch. Der klaustrophobische Wahnsinn eines Daseins, das für solche beengten Verhältnisse eigentlich nicht geschaffen ist. Und die sprichwörtliche Stummheit der Fische, in denen ihnen die Chinesen in nichts nachstehen. Aus ihnen werden die Ermittler so wenig herausbekommen wie aus dem Karpfen. Die große Kunst von Richard Price ist es, dass er solche Metaphern nicht auslegen muss. Er stellt einfach dieses Aquarium in die Küche, und alles ist gesagt.

In Amerika ist Richard Price ein großer Name. Er hat die Bücher zu Martin Scorseses Die Farbe des Geldes und zu Spike Lees Clockers geschrieben. Er ist berühmt geworden für sein Drehbuch zu der genialen Fernsehserie The Wire. Als Price’ Roman Lush Life, so der Originaltitel, in den USA erschien, wurde er sogleich als Klassiker gefeiert. Barack Obama las das Buch in seinen Sommerferien. Hier ist das New York aus der Zeit nach dem 11. September zur großen Erzählung geworden (aber ohne großschriftstellerische Deutungsgeste!). 

Auf Deutsch ist Cash ein toller, intelligenter Schmöker. Aber die eigentliche literarische Leistung von Price ist seine schlafwandlerische Begabung, mit verschiedenen Sprachebenen, Slangs und ihren sozialen Konnotationen zu arbeiten. Das lässt sich im Deutschen – ähnlich wie die Romane von Tom Wolfe – nicht nachbilden. Was Miriam Mandelkow in ihrer Übersetzung leistet, ist tadellos. Es sind trotzdem nur die Untertitel zu dem Anspielungsreichtum und den Sprachsubtilitäten des Originals. Der deutsche Richard Price ist ein sehr gutes Buch, aber kein weltliterarisches Ereignis.