Freitagabend, Florida Road, Durban-Morningside: Vier junge schwarze Südafrikaner mit hochgeschobenen Sonnenbrillen lehnen sich an ihre teuren deutschen Sportwagen und wippen zum Rhythmus, der aus einer Hecktür in die schwüle Tropenluft donnert: "Ayoba!", fallen sie in den Zulu-Chant ein. Ein Ausdruck der Begeisterung – und der Kampfruf der lokalen Partyszene. Chynaman, Bongz, Tira und Black Coffee treffen sich hier jedes Wochenende, um sich mit Cider und Sekt für ihren nächtlichen DJ-Einsatz warm zu trinken.

Auf der Ausgehmeile Durbans herrscht Hochbetrieb. Die Neonreklamen der Restaurants blinken um die Wette, am Bürgersteig wachen Jugendliche in Leuchtwesten für ein paar Rand Trinkgeld über die geparkten Jeeps und Limousinen, es riecht nach dem in Südafrika braai genannten Fleischgrill. Über allem aber liegt ein dumpfer, federnder Beat. Er dringt aus Kellerfenstern, aus Bars, aus Minibus-Taxis, wuchtige Basstrommeln, Freudentriller und Zulu-Chants. Durban Kwaito nennt sich diese Variante angloeuropäischer House-Musik, die in den letzten fünf Jahren von der als Provinz belächelten Hafenstadt aus ganz Südafrika erobert hat. "Wir jungen Südafrikaner", sagt Chynaman, ein freundlicher Glatzkopf mit Mandelaugen, "wollen endlich die Narben der Apartheid hinter uns lassen, das Leben genießen. Egal, ob schwarz oder weiß. Wir tanzen alle auf denselben Beat."

Wer abends vom Parkviertel Morningside hinab zum Indischen Ozean blickt, kann zwischen ausgedehnten Golfplätzen und Wolkenkratzern die Lichterspiele einer blühenden Metropole genießen. Reihen erleuchteter Frachtschiffe laufen in den größten Hafen Afrikas ein, während davor die neu erbaute Moses-Mabhida-Fußballarena wie eine überdimensionale Perlmuschel in den Nachthimmel strahlt. Überhaupt wirkt Durbans Skyline wie ein Versprechen: Einträchtig nebeneinander glänzen die Kuppeln zahlreicher Hindu-Tempel, Moscheen und Kirchen. Angesichts frisch getünchter Vergnügungspaläste und neu angelegter Palmenalleen mag man den Werbebannern der Tourismusbehörden glauben: "Durban – the warmest place to be".

Das Versprechen bezieht sich nicht nur auf die Temperaturen im afrikanischen Winter. Eine Million Inder, zwei Millionen Schwarze und ein paar Hunderttausend Weiße haben sich hier arrangiert. Wo Johannesburg und andere Metropolen über den innerstädtischen Verfall nach Ende der Apartheid klagen, hat Durban sein Erscheinungsbild deutlich verbessert. Nicht dass die Probleme Südafrikas hier außen vor blieben: Nein, man kann sie kaum übersehen, die bettelnden Kinder zwischen den Cocktailbars an der Florida Road. Die auf den Grünstreifen lagernden Flüchtlinge aus Mosambik und Simbabwe. Oder die omnipräsenten Wachmänner, Stacheldrahtrollen und Elektrozäune. Trotzdem sieht sich Durban als Vorreiter der "Rainbow Naton", eine Art Spielstrand für Optimisten: sauberer, sicherer, schöner.

Der Plush Club, ein zweistöckiger Glasbau mit großer Freiluftterrasse im Norden Durbans. Hier treffen sich jedes Wochenende die Jungen, Schönen und Feierwütigen der Stadt. Trotz des für Südafrika horrenden Eintritts von 80 Rand (knapp 8 Euro) drängen sich lange Schlangen vor dem Eingang. Der Türsteher besteht auf einer Leibesvisitation. Immerhin gilt die Gewaltkriminalität als eine der größten Geißeln Südafrikas: 2006 wurden in einem Nachbarclub zwei Wachmänner von bewaffneten Gästen erschossen. Chynaman stand an dem Abend hinter dem DJ-Pult: "Die Menschen auf der Tanzfläche gerieten in Panik. Und wir waren uns sicher, dass der Club nach dem Doppelmord ruiniert wäre. Aber nur drei Tage später drängten sich wieder dieselben Schlangen vor der Tür." Tanzen zu gehen, exzessiv zu feiern sei eben auch ein Weg um mit der täglichen Bedrohung fertig zu werden.

Die Kleiderordnung entspricht der Jetset-Anmutung des Clubs: die Frauen mit Handtäschchen und eng anliegenden Glitzerkostümen. Die Männer in Hemden und Anzughosen. T-Shirts und Sandalen dagegen sind tabu, schließlich geht es darum, die Fantasien der Mittelschicht in Szene zu setzen. Der DJ mixt internationalen House mit Durban Kwaito. Jeder Zulu-Refrain ein Höhepunkt: "Xavatha!" Lasst es uns tun! Dann schnellen Hunderte Arme in die Luft, singen die Menschen euphorisch mit. Fast alle sind schwarz. "Es braucht Zeit, um die Rassentrennung in den Köpfen zu überwinden", erklärt DJ Bongz und nickt vom DJ-Pult in Richtung der wenigen weißen Gesichter. "Aber ich weiß, dass viele Weiße meine Platten kaufen – ohne sie könnte ich nicht diese Erfolge in den Popcharts feiern."

Dass die Touristenbroschüren die örtliche Partyszene trotz landesweit gefeierter DJs kaum erwähnen – das mag auch mit der Gossenherkunft ihrer Musik zusammenhängen. Tatsächlich entstand der Kwaito Anfang der neunziger Jahre parallel zum Ende der Apartheid. Südafrika befand sich in Aufbruchstimmung, und der auf verlangsamten Housebeats basierende Kwaito gab der Township-Jugend erstmals eine eigene Stimme: Sie wollte feiern. Und dem Land, in dem 50 Prozent der Einwohner unter 25 Jahre alt sind, einen neuen Rhythmus verpassen. Frühe Stars wie Mandoza punkteten mit Gangster-Geschichten oder versteckten sich wie Mzekezeke hinter einer Maske, um anonym für die Habenichtse in den Wellblechsiedlungen zu sprechen. Lange lebte der Kwaito von seinen Township-Wurzeln.

 

2006 aber brachte der Hit Woza Durban nicht nur die Hafenstadt, sondern auch ein ganz neues Selbstbewusstsein auf den Plan. Bisher hatte Durban im Schatten Johannesburgs und seiner Studios, Radio- und Fernsehsender gestanden. Nun formierte sich an der Ostküste erstmals eine selbstständige Szene: Durban Kwaito beschleunigte nicht nur die Beats, sondern propagierte einen leichtfüßigen luxuriösen Lebensstil, der offensichtlich die Träume des jungen Südafrika einfing. Künstler wie Big Nuz, Bongz oder Black Coffee lieferten soulige Zulu-Chants und Videos, die vor allem von Cabriofahrten unter Palmen, Strandpartys und Jachtausflügen mit Champagner und Bikinimädchen handelten. "Das setzt uns von der Konkurrenz aus Johannesburg ab", sagt Bongz. Der House-DJ inszeniert sich in seinen Hits als sanften Hedonisten und Gentleman von Welt. Gewalt und Armut dagegen werden in der Welt des Durban Kwaito ausgeblendet – was möglicherweise Teil des Erfolgsrezepts ist.

"Wir zeigen, dass man kein Gangster sein muss, um zu Wohlstand zu kommen", erklärt Chynaman. "Dass es jeder mit harter Arbeit schaffen kann – selbst wenn er aus der Township kommt." Um seine These zu illustrieren, verweist Chynaman gerne auf die eigene Karriere: Aufgewachsen in der Township Mandeni im Norden Durbans, war er kein guter Schüler. Doch schon als Jugendlicher entdeckte er seine Leidenschaft: Er wollte DJ werden. Er erzählte seinen Eltern, er müsse bei einem Kameraden Schulaufgaben erledigen, schlich sich stattdessen in die Clubs, kauerte bis zum Morgengrauen am DJ-Pult und prägte sich jede Handbewegung seiner Vorbilder ein. Ein Freund mit Plattenspielern gab ihm schließlich die Möglichkeit, selbst zu üben. Sein Angestelltengehalt bei der städtischen Steuerbehörde Durbans trug Chynaman dann vorwiegend in Plattenläden – und war bald versiert genug, um in den besten Clubs der Stadt aufzulegen.

Ein Nachtclubbesitzer in Durban nannte gar sein Etablissement nach ihm: Chyna White. 2006 begann der DJ selbst Beats zu produzieren. Mit seinen örtlichen Kollegen machte er die Afrotainment Studios in Durban zum Kreativzentrum der Partyszene: Er komponiere, sagt Chynaman, nur die Beats. Die gesungenen Chants und vokalen Einwürfe stammten meist von den Tänzern: "Wenn die Menschen betrunken und ausgelassen feiern, fangen sie an, Gesänge zu improvisieren. Oft passiert das nachts am Strand: Nach dem Club feiern wir dort mit der Musikanlage aus dem Auto weiter. Wenn jemandem ein toller Chant einfällt, frage ich immer gleich: Können wir das bitte aufnehmen? Dann geht es vom Strand direkt ins Studio."

Samstagabend, Umlazi. Etwa eine halbe Autostunde landeinwärts von den mondänen Glas- und Betonhochhäusern der Strandmeile Durbans erstrecken sich endlos gestaffelte Wellblechhüttensiedlungen über die welligen Hügel von Kwazulu-Natal. Sie wurden zu Apartheid-Zeiten errichtet, um die schwarzen und indischen Arbeiter, Hausangestellten und Geschäftsleute in Reichweite der weißen City anzusiedeln – und sie dabei dennoch auf Distanz zu halten: Nach Feierabend gehörte die Stadt dann wieder allein den Weißen. Der Taxifahrer – er fährt nur selten mal einen Weißen nach Umlazi – erzählt, dass viele der Südafrikaner auch nach Ende der Apartheid in strikt getrennten Welten lebten. Viele könnten sich schon die Fahrt aus den Townships an den Strand kaum leisten. Und welchen Grund könnte ein Weißer schon haben, die von Arbeitslosigkeit, Aids und Gewalt geplagten Vororte zu besuchen?

Außer der Musik natürlich: Sobald das Taxi die Abzweigung nach Umlazi, District V nimmt, dringen durch spärlich erleuchtete Nebenstraßen die typisch federnden Beats. Kwaito. Sie kommen von einem Schrottplatz. Zwischen Autowracks und defekten Baugeräten hat die Creme der Durbaner DJ-Szene ihre Sportwagen geparkt. Mjay, der bullige Besitzer des Alteisenhandels, nimmt die Besucher persönlich per Handschlag in Empfang. In einer offenen, unverputzten Garage hat er eine improvisierte Diskothek eingerichtet: Boxentürme, ein DJ-Pult und eine Tanzfläche, von einer einzelnen Neonröhre erhellt. Eine Gruppe Jugendlicher schlurft in rhythmischen Zuckungen zum Beat. Pantsula, ein Township-Ritus, den Männer mit Männern im Kreis tanzen. Im Halbdunkel hocken drei Dutzend Besucher auf Plastikstühlen, kippen Cider, Bier und Whiskey aus Einwegbechern – und kommentieren lautstark die Auswahl des Djs. "Ayoba!"

Thokozani Ndlovu alias L’Vovo Derrango, ein Hüne im Hip-Hop-Dress und seit einigen Jahren der Shootingstar des Durban Kwaito, diskutiert mit seinen Freunden die kommenden Auftritte in Umlazi. Während der WM sind hier wie auch in anderen Townships riesige Bühnen aufgebaut, wo die Fußballspiele live übertragen werden und die Kwaito-Szene rund um die Uhr für Unterhaltung sorgt. "In den Stadien ist nicht Platz für alle", sagt L’Vovo. "Und viele können sich die Karten auch gar nicht leisten. Deshalb treten wir hier auf – damit es keine Tumulte gibt und die Township-Bewohner auch etwas zum Feiern haben." L’Vovos sanfter Blick, sein breites Lächeln wollen so gar nicht zu seinem öffentlichen Image passen: In seinen Videos gibt sich der 150-Kilo-Mann bevorzugt als eine Art Mafiaboss.

Er wiegelt ab: "Es ist doch nur Unterhaltung." Der studierte Sprachwissenschaftler hat sich vom Bühnenan- sager zum internationalen Kwaito-Star hochgearbeitet und seinen Bühnennamen zur Hälfte von einem amerikanischen Rapper namens LV, zur anderen von einem Spaghetti-Western entliehen. Seine Texte aber bleiben definitiv Zulu. "Die Menschen mögen einfach jemanden aus den eigenen Reihen in der Heldenrolle sehen, sie wollen Südafrikaner, nicht nur Amerikaner." Auf seiner letzten Platte ist L’Vovo dann doch zu weit gegangen: Er stellte das Coverbild von Jay-Zs American Gangster nach – und musste auf Drängen der Plattenfirma des amerikanischen Rapstars sein eigenes Album wieder einstampfen lassen. L’Vovo nimmt es gelassen: "Das größere Konto gewinnt doch immer."

 

Ähnlich kommentieren Township-Bewohner und regierungskritische Zeitungen die millionenschweren Renovierungsarbeiten. Viele zweifeln, ob die Stadion-Neubauten, die Freizeitparks und verbesserten Transportmöglichkeiten wirklich der armen Bevölkerung zugute kommen – und nicht nur der Mittel- und Oberschicht. So wurde zwar mit großem Pomp gerade der neue Flughafen King Shaka in Betrieb genommen, die Township-Pendler aber bleiben weiter auf die anarchischen und oft lebensgefährlichen Minibusse angewiesen. Zudem soll die städtische Polizei nach Angaben lokaler Hilfsorganisationen viele Straßenkinder aus dem Strand- und Geschäftsviertel gewaltsam zu Orten weit außerhalb Durbans deportiert haben. Ihr Anblick soll die makellose Fassade nicht verunzieren.

Am Nordende der Golden Mile zeigt Durban sein schönes neues Gesicht: Hier ist eine Art-déco-Meile nach dem Vorbild von Miami Beach aus dem Sand gestampft worden. "Sun Coast" leuchtet es über einem Casino-Zentrum: Jugendliche aller Couleur ziehen durch die Spielsäle, Kinos, Restaurants. Es ist einer der Orte Durbans, der offensichtlich keine Rassen-, sondern bestenfalls Klassenunterschiede kennt: Weiße Surfer, verschleierte Muslimas mit ihren Kindern und die weiß-blau gekleideten Wiedertäufer einer schwarzen Christensekte teilen sich denselben Strandabschnitt. Selbst ein paar Vertreter der sozial eher abgeschottet lebenden Hindus feiern hier ihr braai. An der Promenade haben Flüchtlingskinder riesige Sandskulpturen gebaut: Löwen, Elefanten, ein BMW-Cabrio in Originalgröße – und ein Raubtier, das einen blutenden Menschen im Maul hält. Unterschrift: "The big leopard bites poor man." Am Ende werden immer die Armen gebissen.

Viele von ihnen wohnen nur ein paar Kilometer weiter südlich in South Beach: Dort, am Ende der The Point genannten Halbinsel, wirken der Vergnügungspark U-Shaka Sea World, ein Kanalnetz mit Touristen-Gondeln und einige neu gebaute Luxusapartmenthäuser wie glitzernde Ufos in einer Ruinenlandschaft. Die Strandhotels von einst: blätternde Betonkisten. Touristen, so heißt es, sollten das Viertel nach Einbruch der Dunkelheit meiden – dann regieren die nigerianischen Drogenhändler, die Zuhälter, Prostituierten und Kleinkriminellen die Trottoirs. DJ Chynaman rollt dennoch einmal im Monat in seinem roten Audi Sportcoupé durch die spärlich erleuchteten Straßen von South Beach. Er hat einen Gig in einem der wenigen verbliebenen Clubs des Viertels.

Ein Restaurant im obersten Stock eines Kaufhauses. Am Eingang Wachmänner und ein schweres Eisengitter. Fünf Stockwerke höher drängen sich Hunderte Tänzer in dem zur Disco umfunktionierten Selbstbedienungslokal. Es riecht nach Billigparfum, Bratfett und Bier. "Ich lege nicht nur in den feinen Clubs auf", sagt Chynaman angesichts der vielen Jugendlichen in Gummisandalen und T-Shirt. "Diese Leute lieben meine Musik, und ich zeige ihnen, dass ich immer noch zu ihnen gehöre." Sobald er hinterm DJ-Pult steht, seine Erkennungshymne Xavatha auflegt, geht ein Aufschrei durch die Menge. Die Bässe klingen dumpf, die Höhen scheppern. Egal. Ein Dutzend Mädchen recken ihre Fotohandys in Richtung Chynaman. Ein echter Star ist zu ihnen gekommen.

Um sechs Uhr morgens ist die Tanzfläche immer noch voll, und Chynaman erinnert sich an seine Mission: "Wir Popstars müssen Vorbilder sein", hatte er im Auto erzählt. Dass er sich deswegen einem öffentlichen Aids-Test unterzogen habe und niemals mehr als vier, fünf Bier trinke. Er fährt die Regler runter, greift zum Mikrofon: "Fahrt nicht betrunken!", ruft er über einem Housebeat. "Seid rücksichtsvoll zueinander!" Und: "Vergesst nicht, Kondome zu kaufen!"

Die meisten der erwähnten Musiker sind auf dem Album "Ayobaness – The Sound of South African House" (Outhere Records) in hiesigen Plattenläden zu kaufen. Ayobaness auf Deutschlandtour: 1.7. München, 2.7. Berlin, 3. und 4.7. Rudolfstadt