ZEITmagazin: Frau Tismer, Sie sind als Schauspielerin berühmt geworden, damit haben Sie abgeschlossen. Heute sind Sie Performance-Künstlerin.

Anne Tismer: 2004 hab ich den Aktionskünstler John Bock und seine Arbeit kennengelernt. Er hat mich gefragt ob ich bei seiner Aktion Meechfieber mitmachen will – das war ein Film auf dem Bauernhof seiner Tante in Schleswig-Holstein. Ich habe Kühe gemolken und ein Kalb zur Welt zu bringen geholfen – ich bin auch Trecker gefahren – das kann ich jetzt alles – Kühe melken – Kälber aus der Kuh ziehen – Trecker fahren. Auf dem Dachboden hat John superkomplizierte Maschinen aufgebaut und er war das "quasimi" – also das Ich das ich füttern musste – mit Erbsen. Für mich war das bis dahin das größte Kunsterlebnis und seitdem mach ich auch Kunstaktionen und Objekte und schreib Texte und ich finde alles was ich vorher gemacht hab totalen Pipifax.

ZEITmagazin: Von der Schauspielerei haben Sie keine so hohe Meinung?

Tismer: Als Schauspieler – das Schwierigste war noch das Auswendiglernen – aber man muss ja nicht mal den Text selber schreiben – den gibt’s schon. Dann kriegt man die Kleidung und aufgebaut ist auch schon immer alles auf der Bühne. Und dann sitzt immer einer unten zum Aufpassen dass alles klappt. Also ehrlich – das ist doch lächerlich. Ich verachte das jetzt. Man muss sich auch immer das Gehirn ausleeren weil sonst fluttern da Gedanken rum – das ist nicht so angesagt – bringt alles durcheinander – und Mädchen müssen das mehr als Jungs.

ZEITmagazin: Ist das Theater ein chauvinistischer Betrieb?

Tismer: Total. Da gibt es alles – Missbrauch Perversion sexuelle Ausbeutung Abtreibung Unterdrückung – auch so ne prickelnde gefährliche Erotik so wie bei der Scientology-Zentrale. Was ich mir aber jetzt vorgenommen hab – darauf hat mich der Regisseur und Autor Alexis Bug gebracht dessen Idee es war dass ich Hitlerine machen soll – jetzt schreib ich alles um was ich schaffe – auch die Figuren Woyzickine Stalinine Titti Andronine Kaspar Hausiererin Omlettine Schweinsteigerine Faustine Nuttelline und alles.

ZEITmagazin: Ich habe den Eindruck, Sie haben sich am Theater nicht wohlgefühlt?

Tismer: Meine Mutter hat mir schon vorher gesagt das Theater ist keine Welt für mich. Bei uns gab es kein lautes Wort zu Hause – nie – sie hat sich das schon gedacht das ist nix für mich.

ZEITmagazin: Weil beim Theater rumgeschrien wird?

Tismer: Also beim Theater wird rumgeschrien geprügelt gesoffen rumgefickt – dass sich die Balken biegen – da ist richtig was los. Da muss man irgendwie mithalten – aber das ist als Mädchen gar nicht einfach weil die meisten am Theater sind Männer – die sind auf jeden Fall stärker. Wenn man da eins auf die Rübe kriegt dann liegt man erst mal platt. Ich hab paarmal was übergezogen bekommen und ein blaues Auge eingefangen – ziemlich viele blaue Flecken – auch mal einen gebrochenen Fuß – ich weiß nicht – Arm umgerenkt auf jeden Fall auch.

 

ZEITmagazin: Sie sind doch sogar mit einem der berühmtesten Theaterregisseure zusammen – mit Thomas Ostermeier, dem Intendanten der Berliner Schaubühne.

Tismer: Ja aber die künstlerischen Auseinandersetzungen haben geendet in wilden Prügeleien und ich hab jedes Mal verloren. Das hat mich auch runtergezogen. Zweites Problem – oder vielleicht auch die Lösung – ich habe Asperger – so was wie 55 Prozent – das ist eine leichte Form von Autismus.

ZEITmagazin: Wie sind Sie auf die Diagnose gekommen?

Tismer: Mit Internet. War aber keine Überraschung. Meine Mutter sagt auch: Man wird aus mir nicht schlau – da stimmt was nicht. Ich hab ein ziemliches Problem mit Gruppen und mit Codes wie sich Menschen verständigen – das geht bei mir durch viele Umwege aber das müsste man länger erklären da reicht der Platz nicht aus. Ich guck mir auch oft meine Arbeiten auf Video an und ich seh dass da was nicht stimmt. Ich wirke als wär ich daneben. Ist mir auch aufgefallen als ich die Sendung geguckt hab wo ich bei Harald Schmidt zu Besuch war.

ZEITmagazin: Auf mich wirkte der Auftritt voriges Jahr wie eine subversive Anti-Fernseh-Aktion.

Tismer: Vielleicht – ich wollte aber ganz normal sein – auch ein bisschen von meiner Arbeit zeigen – und ich hatte mich sehr über die Einladung gefreut – obwohl Fernsehen nichts ist für mich. Ist wahrscheinlicher dass ich im Porno auftauche als bei Bella Block Tatort Polizeiruf 110 Hafenkante oder so.

ZEITmagazin: Gab es je für Sie einen Moment der Rettung?

Tismer: Na ja ich rette mich so von Tag zu Tag – manchmal von Stunde zu Stunde.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold