Enrique Salazar sieht aus, als wolle er gleich zu einer Hochzeit im spanischen Königshaus aufbrechen. Der Frack ist frisch gebügelt, die Fliege sitzt fest am weißen Hemdkragen, der Zylinder liegt vor ihm auf dem Armaturenbrett seines Autos. Doch wo Salazar vorfährt, ist den Menschen nicht nach Feiern zumute. Im Gegenteil. Der 48-Jährige steckt in seiner Arbeitskleidung. Er ist ein cobrador del frac, ein Geldeintreiber im Frack. Wenn er in seiner Aufmachung säumige Schuldner vor aller Augen auf der Straße konfrontiert oder Nachbarn und Kunden über deren Zahlungsunwillen informiert, bereitet er so viel Scham, dass die offenen Rechnungen meist bald beglichen werden.

Überall in Spanien sind Salazar und seine befrackten Kollegen inzwischen bekannt. Das Geschäft des Inkasso-Unternehmens, für das sie arbeiten, boomt wie kaum ein anderes in diesen Zeiten. Galt das Land vor Beginn der Krise noch als Musterschüler der EU, weil es drei Jahre hintereinander Haushaltsüberschüsse auswies, ist es inzwischen nach Griechenland zum größten Sorgenkind mutiert. 20 Prozent beträgt die Arbeitslosigkeit, bei Jugendlichen sogar fast 40 Prozent. Der Immobilienboom, der mehr als ein Jahrzehnt lang die größte Stütze des Wirtschaftswachstums war und Millionen Menschen Arbeit ermöglichte, ist zusammengebrochen. Schon wird darüber spekuliert, dass die Banken und Sparkassen, die mehr als eine Billion Euro an Hypothekenkrediten ausstehen haben, die Last aus eigener Kraft nicht mehr tragen könnten. Dann müsste die EU den Iberern womöglich Kredite aus dem mit 750 Milliarden Euro bestückten Stabilisierungsfonds gewähren.

Eine Arbeitsmarktreform diskreditiert den Regierungschef im eigenen Lager

Spaniens Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero, bis Ende des Monats offiziell noch EU-Ratspräsident, ist längst nicht mehr Herr seiner Entscheidungen. Er steht unter enormem Druck, innen- wie außenpolitisch. Zum Gipfel in Brüssel musste er ein starkes Signal des Reformwillens aussenden. Jetzt verabschiedete sein Kabinett eine Arbeitsmarktreform, die der Sozialdemokrat selbst unlängst noch als "nicht so wichtig" erachtete und die ihn zusammen mit dem Ende Mai beschlossenen Sparpaket im eigenen Lager diskreditiert. Gewerkschaften, Familien, Staatsbedienstete und Arbeitslose sind empört. Die konservative Opposition hofft derweil auf vorgezogene Neuwahlen.

"Wenn uns jemand beauftragt, werde ich auch bei der Wirtschaftsministerin oder dem Regierungschef vorstellig", sagt Salazar schmunzelnd. Der Geldeintreiber war bis vor zwei Jahren Inhaber einer kleinen Baufirma in Toledo. Weil seine Kunden nicht mehr zahlten, ging er pleite. Da war kein Schutzschirm der EU, unter den er sich hätte stellen können, wie es nun womöglich sein Land tun kann. Nur das Angebot der Inkasso-Firma, die er in seiner Not beauftragt hatte, für sie zu arbeiten. "Am Anfang war mir das unangenehm, die Leute so anzugehen", erzählt er. "Aber ich muss drei Kinder ernähren. Wir müssen alle sehen, wo wir bleiben."

Nothilfen für Spanien mögen angesichts einer spanischen Staatsverschuldung in Höhe von 53 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zwar reichlich übertrieben erscheinen. Brüssel und Madrid dementieren auch entsprechende Pläne. Schließlich haben etwa Deutschland mit 73 Prozent und Frankreich mit 78 Prozent weit höhere Schuldenquoten. Doch die größte Sorge bereitet Spaniens Regierung derzeit eine mögliche Schieflage des Bankensektors. Der Interbankenhandel kam in den vergangenen Tagen praktisch zum Erliegen. Institute aus der Euro-Zone, die laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich 600 Milliarden Euro in Spanien investiert haben, trauen sich nicht mehr, den spanischen Kollegen Geld zu leihen. Laut der spanischen Notenbank mussten seit dem Platzen der Immobilienblase 2007 bereits 43 Milliarden Euro als faule Kredite abgeschrieben werden. Weitere 123 Milliarden Euro seien zumindest als kritisch einzustufen.

Auch Marta hat so einen Kredit erhalten. 2004 kam die heute 55-Jährige aus Ecuador nach Madrid, mit einem Touristenvisum. Sie blieb. Wie Millionen andere Einwanderer, denn die Behörden drückten beide Augen zu, legalisierten deren Aufenthalt sogar. Spaniens Boom, der auf Sand gebaut war, verlangte nach billigen Arbeitskräften. 2007, die Immobilienpreise hatten nach zehn Jahren jeweils zweistelliger Wachstumsraten ihren Höhepunkt erreicht, kauften Marta und ihre Tochter eine Dreizimmerwohnung in San Cristóbal de los Ángeles im Süden Madrids. Erspartes hatte Marta als Altenpflegerin zwar nicht, doch waren Baufinanzierungen zu 100 Prozent über 40 Jahre hinweg damals an der Tagesordnung, auch in ihrem Fall. Spanien lebte auf Pump, das war normal und bescherte den Finanzhäusern satte Zinseinnahmen.

"Ich dachte, die Wohnung wäre mal für meine Enkel", erzählt Marta. Doch seit einem halben Jahr ist sie arbeitslos. Wovon sie nun jeden Monat 1100 Euro Kredit abbezahlen soll, weiß sie nicht. Sie hat einen Zettel mit ihrer Telefonnummer an einen Laternenpfahl geklebt: "Zimmer zu vermieten an alleinstehende Frau oder Paar, 300 Euro." Die letzte Hoffnung, ehe womöglich auch Martas Wohnung zu dem stetig wachsenden Immobilienstock zählt, den Spaniens Banken und Sparkassen von ihren säumigen Kunden übernehmen. Dafür müssen sie hohe Rücklagen bilden, die die Bilanzen belasten.