2,3 Millionen Euro haben die Mitarbeiter bisher eingeworben und das Geld in Georgien, der Ukraine, in Weißrussland, Kasachstan und Estland, in Armenien und in Russland den Antragstellern, soweit es möglich war, persönlich überreicht; allen anderen schrieb "Kontakte" mit der Banküberweisung einen Brief. Die 300 Euro des Vereins sind eine symbolische Summe, auch wenn sie in manchen Gegenden des einstigen Sowjetreichs annähernd einer Jahresrente entspricht. Viele der ehemaligen Zwangsarbeiter und Soldaten leben in Armut. Mancherorts weckte das Auftauchen der Deutschen allerdings auch Misstrauen – zumal sie ausgerechnet jenen Geld brachten, die in der Sowjetunion als Vaterlandsverräter diffamiert und in den engen Dorfgemeinschaften noch lange darüber hinaus scheel beäugt wurden.

Auch Iwan Solonowitsch hatte nach seiner Befreiung 1945 erfahren müssen, dass er in seiner Heimat nicht willkommen ist: Wie alle Kriegsgefangenen musste er sich einer Prüfung durch das sowjetische Innenministerium unterziehen. Zehntausende, eben der deutschen Lagerhaft entkommen, wurden, teils für mehrere Jahrzehnte, in Straflager verschleppt, weil sie – so lautete der Vorwurf – dem Feind gedient hatten. "Wir, schwache, kranke, arbeitsunfähige Männer, wurden nach Sibirien geschickt", schreibt Solonowitsch. "Dort sollte ich zwei Jahre arbeiten."

Als die einstigen Kriegsgefangenen 1995 von der russischen Regierung rehabilitiert wurden, war dies für die meisten bedeutender, als es jede Entschädigungszahlung hätte sein können. Und wichtiger als Geld sind – fast 70 Jahre danach – auch von deutscher Seite aus die Bitte um Verzeihung, die Anerkennung der individuellen Lebensgeschichte und eine Geste, die Schuldbewusstsein signalisiert.

"Vielen Dank, einen riesengroßen Dank für Ihre Achtung, […] Ihr Brief ist ohne Tränen nicht zu lesen. Sie haben mich, einen einfachen Mann, mit Verständnis und Respekt behandelt." – "Ich bin nach dem Erhalt Ihres Briefes bis zum Tiefsten aufgeregt. Mir fehlen die Worte." Aus den Briefen an "Kontakte" ( www.freitagsbriefe.de ), oft seitenlang, in einer Schrift, die Alter und Krankheit verrät, spricht eine Dankbarkeit, die beschämt. Manche Zeilen zeugen allerdings auch von Verletztheit und Enttäuschung. "Für den Brief danke ich Ihnen", schreibt Petr Michajlowitsch Sakidin, "das Geld aber brauche ich nicht. Sie sollten es nicht von den einfachen Leuten sammeln. Wenn Ihr Land keine Entschädigung an die Kriegsgefangenen zahlen will, dann heißt das, dass es keine Schuld fühlt an dem entsetzlichen Leid, das uns zugefügt wurde."

Tatsächlich steht eine Stellungnahme der Bundesregierung noch immer aus. Bereits vor vier Jahren hat "Kontakte" eine Petition beim Bundestag eingereicht und darin auf das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen und die Ablehnung ihrer Anträge durch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft aufmerksam gemacht. 2007 wurde das Gesuch abgewiesen; damals endete die Auszahlung des Stiftungsgelds – zehn Milliarden D-Mark. Radczuweit aber gab nicht auf. Erneut reichte er die Petition ein; am 27.Januar dieses Jahres hieß es abermals Nein. Doch inzwischen hat "Kontakte" auch einige Abgeordnete auf seiner Seite. Dass es aussichtslos ist, für ein weiteres, letztes Entschädigungsprojekt zu kämpfen, ist Radczuweit dabei bewusst: "Was wir wollen, sind Worte" – die Anerkennung des Leids der Millionen Soldaten, die von den Deutschen wie Vieh behandelt und ermordet wurden, eine Geste gegenüber den letzten Überlebenden. Viel Zeit bleibt nicht mehr.